„Hier war mal der Schrebergarten meiner Eltern!“, schreit mir mein Kumpel von hinten ins Ohr, während ich mein Motorrad über die berüchtigste Autobahn der Stadt treibe. Gürtel, St.Marx, Simmering, Kaisermühlen – von den allseits geläufigen Stadtvierteln bleiben nur blaue Schilder, einige anonyme Neubauten lugen über die Schallschutzmauer. Szenenwechsel. Einer der unzähligen banalen Gemeindebauten der 1950er; es riecht nach Kohl und Curry und Essen aus aller Herren Länder, im Stiegenhaus ein Rollator, ein Kinderfahrrad, vor mancher Wohnungstüre Schuhe. Das Haus ist abgewohnt, und doch ist etwas anders: Die Geräuschkulisse. Die Tangente ist allgegenwärtig, je nach Ausrichtung der Fenster in unterschiedlicher Präsenz.
Wohnen am Ground Zero des Stadtverkehrs
Samstag Nachmittag, fast alle sind zu Hause, nicht alle antworten auf mein Klopfen. Endlich öffnet ein massiger Mann und zeigt mir seine Aussicht: „Jo wos soll mochan, mussen auch olle orbaiten, konn ma nix sogn, ich wor auch immer auf Baustelle, oba mussen alle foahrn in Orbait, nix sich aufregen, mocht ned bessa, is haaß, oba um hundert Oiro billiga ols hinten, und waastas eh, is vü Göd, hundert Oiro jedes Monat“.
Auch in den anderen Wohnungen sind es Menschen, die in ihrem harten Arbeitsleben keine Zeit hatten für die Sprache, es sind die Kinder, die übersetzen. Die einzelnen Lebensgeschichten bleiben daher diffus, wobei die Schicksale – irgendwann nach Österreich, schlecht bezahlter Job zum Überleben, endlich eine Wohnung, die Kinder sollen es besser haben – sowieso überschaubar sind. Hauptthema bei jedem Besuch ist aber das unentrinnbare Brachialorchster des Verkehrs, mit dem man sich irgendwie abfindet – und jedes Stockwerk hat seine eigenen Arrangements, je nach Höhe und Bauart der Lärmschutzwand.
Auf Straßenniveau dann der Ground Zero der Hässlichkeit, mit Behübschungsversuchen hat man sich nicht aufgehalten, der Raum unter dem riesigen Betonbrett ist selbstreferenziell: Autos parken hier, und Straßenbaumaterial wird gelagert. Von oben beständiges dumpfes Rauschen, akzentuiert durch metallische Schläge, wenn ein LKW über eine Dehnfuge fährt. Am Boden Spuren prekärer Lebenskonzepte: Schnapsfläschchen im Miniaturformat von der Billa-Kassa, Bierdosen, Kaffee-Pappbecher. Zentrum des Viertels ist die Straßenbahnstation, sie ist nagelneu, aber gebaut ohne jeden Willen zur Gestaltung: Hier ist alles hässlich, und trotzdem passt nichts zusammen. Bei einer Klientele ist die Lage trotzdem begehrt: Bei den Firmen, die ihre Logos in riesigen Leuchtbuchstaben auf die Dächer der Häuser schrauben, sie liefern damit die Lichtorgel für die Dauerbeschallung der Anwohner.
Wien, Geiereckstraße, Wohnhäuser an der Südosttangente, Autobahn A23
Ich schreibe heute von einem bizarren Ort, es ist ein – luxuriöser – Pendlerbus, weiß und riesig, der mich, Abfahrt 20.15 vom Karlsplatz, in ein südburgenländisches Dorf namens Güssing bringt. Als Pazifist bin ich der richtige, morgen eine neue Kaserne unseres Bundesheeres fotografisch zu dokumentieren (“Wenn Österreich Deutschland den Krieg erklärt, ist das ein Fall für die Freiwillige Feuerwehr von Passau”). Um mich herum Busstammgäste, Pendler, die bis zu 2 1/2 Stunden nach Hause fahren, täglich oder zumindest wöchentlich. Grade haben wir die Grenze von Wien zurückgelassen, es geht durch amerikanisch gestaltete Ausfallstraßen, alles bunt, grüne Ampeln, gelbe McDo-Logos, rote Puffs, drive in, drive through, wohin ist egal. Essen, ficken, weiter. Autowelt. Männerwelt. Laut, aber einfach. Die Motorbienen kommen herangebrummt, befruchten Tankstellen, Baumärkte, leichte Mädchen, und weiter gehts. Es muss weitergehn. Immer weiter. Grad gehts entlang der “Shopping City” weiter, an der „blauen Lagune“ vorbei, der Fertighaus-Ausstellung mitten zwischen Gewerbekisten und Autobahnkringeln, ganz lebensecht ist sie hergerichtet, bezugsfertig, mit Lichtern, Zimmerpflanzen, Möbeln und alles. Ich wette, der Verkaufsleiter sitzt am Klo und kackt, um die Sache endgültig glaubhaft zu machen. Ssssspp- schon wieder vorbei, jetzt Autobahn, Nebel, Business-Park, blaue Schilder.
Ich hab ja kein Auto.
Ortlose Gegend, kurz schnurren wir die Autobahn nach Süden, dann geht’s aber runter, der Monsterbus dringt ein ins flache Land. Wir bleiben an einer Tankstelle im Nebel stehen, eine Umsteigestation, ein Kleinbus wartet auf die armen Tröpfe, die noch nicht zuhause sind. Pendler-Stafettenlauf, ein mir bisher unbekanntes Netzwerk von Abhängigkeiten, übers flache Land geworfen. Ich hingegen fahre direkt und finde immer mehr Gefallen an meinem warmen Aussichtsplatz hinter der großen Scheibe, die mich vom Nebel trennt. Die Stationen heißen Unterschützen Hauptplatz, Pinkafeld Raiffeisenbank oder Oberwart Park&Ride; Unterschiede sind keine zu sehen, bei Nacht sind alle Tankstellen gelb. Am Hauptplatz von Oberschützen gibts allerdings ein „Cafe Miau“, ich komme wieder und kehre ein, versprochen! Aber was zum Teufel ist eine Erlebnistankstelle?
Im Hotel bin ich Protagonist eines Roadmovies, directed by „Dr.Richard Busbetriebe“. Ich wurde von einem weißen Wal an den Strand einer unbekannten Industriezone in Güssicon Valley gespuckt, und während er im Dunkel verschwindet, ziehen Nebelschwaden vorbei an einem Kraftwerk im Neonlicht. Kein Fahrzeug auf der Bundesstraße, und garkeines auf der Industriestraße, in die ich einbiege. Wanderer sind hier selten um die Jahreszeit. Vorbei an dem sirrenden Kraft- und dem verhalten röhrenden Sägewerk geht’s die kleine Straße hinauf, am Ende ein Lichtdom Speer’scher Art, Miniaturflakscheinwerfer bestrahlen den Nebel von unten.
Das Hotel ist leer, meine Schlüsselkarte außen an die Tür geklebt (ob das klappt? war meine Sorge), das Ambiente innen ein scharfer Kontrast zur Unwirklichkeit draußen. Oder auch nicht, es wirkt kulissenhaft, an den Wänden Fotos der schönsten Garage der Umgebung, der Einfachheit halber zeigen alle Bilder dasselbe Motiv. Egal – das Bett ist warm & weich, es ist absolut still, man hört nichts. Mich begleitet ein Buch namens „Zeit aus den Fugen“, der Autor (Philip K. Dick) schrieb auch die Vorlagen zu „Blade Runner“ oder „Minority Report“ – das Buch hat dasselbe Thema wie die „Truman Show“, spiel ich darin plötzlich mit? Ich bekomm ein wenig Angst.
Nächster Tag. Die seltsame Hotelzimmer/Aussicht-Schere offenbart sich. In der Nacht war die Schönheit der Umgebung im schwarzen Nebel verborgen. Der Container hat sich belebt, das Frühstück ist unauffällig, eine für ihr Alter zu schrillbunt gekleidete Frau kommt rein – und dann noch eine, genauso angezogen, da komm ich erst drauf, es ist die Tracht des Personals, irgendein Marketingleiter lässt diese armen burgenländischen Bäuerinnen rumlaufen wie Clowns. Weg von hier. Ich rücke ich in die Kaserne ein.
Am Nachmittag: Rückfahrt, der weiße Wal taucht aus den Wellen der burgenländischen Landschaft auf, nur Käpt’n Ahab ist ein anderer. Mein Platz vorne ist wieder frei, diesmal ist es noch Tag. So ein Ausflug ist ja viel einzigartiger als eine meiner Reisen nach Frankreich: nach Güssing komm ich nie wieder, in das Hotel komm ich nie wieder, auch in die Kaserne: nie wieder. Aber jetzt noch einmal vorbei an ihr, noch einmal um den Kreisverkehr, adieu, du Kraftwerk, das du mich gestern so beruhigend brummend empfingst! Jetzt seh ich erst die Landschaft, wir zweigen dauernd von der Hauptstraße ab, um die Dörfer (Park & Ride, Raiffeisen, Hauptplatz…) abzuklappern, überall steigen Schüler ein und Bauern aus, sie haben eine seltsam bellende Sprache, meine Schwester redet inzwischen auch so, sie lebt in der Region – 8 Jahre Privatgymnasium Sacre Coeur beim Fenster rausgeschmissen, meine Mutter würde leiden.
Die Ansiedlungen: vom modernen Leben vergewaltigte niedere Bauerndörfer, von den echtesten, den ursprünglichsten der Häuser hat man sich abgewandt, sie verfallen; stattdessen hat man die Orte mit den Häusern hochgerüstet, die ich bei der Hinfahrt am Autobahnkreisel der Blauen Lagune sah. Früher waren die Dörfer schmucklos, heute geschmacklos, paniert mit allem was der Baumarkt hergibt. Umgeben sind sie mit Gewerbekisten, die zusammenhanglos in der Landschaft schwimmen, viel zu groß, zu derb, zu bunt. Glücklicherweise kommt wieder Nebel auf.
Der Bus ist voll, die Jugendlichen (Berufsschule für landwirtschaftliche Gewerbe und ähnliches, man studiert selten Philosophie in dieser Region) schnattern. Autobahn, komm! Und da ist sie schon, es ist dunkel inzwischen, über den roten Rücklichtpunkten der Weggenossen schwebe ich nach Wien. Schön wars, eigentlich ein lehrreicher Ausflug; und: fein, mit euch zu reisen.