Madrid ist ein wenig „Stadt ohne Eigenschaften“, es gibt keinen Eiffelturm, keinen Big Ben, nichtmal einen richtigen Fluss. In die historisch-enge Altstadt hat man ab 1910 die „Gran Via“ geschnitten, nun werden in Ermangelung ikonischer Sehenswürdigkeiten ihre neobarocken Schlagobershochhäuser bestaunt. Die beiden höchsten Türme spannen mit großer Geste einen Platz auf, gleich hinter dieser Kulisse ducken sich kleine Altbauten im Schatten. Das berühmteste Denkmal der Stadt steht hier: Es ist Don Quijote, der verrückte Ritter, und er passt nur zu gut zu diesem Fiebertraum der Stadtplanung.
Unter den Türmen von Metropolis gibt es auch viel Armut. Schilderhochhalter, Inkostümenrumsteher, Insrestaurantlocker sind zahlreich. Plötzlich stehe ich vor einer ungewöhnlichen Kirche, Lichtschlangen blinken, Bildschirme erzählen Frohbotschaften: Die Iglesia de San Antón ist ein Sozialprojekt. Ein Mann geht an mir vorbei, etwas erfrischt stellt er sein Wegbier auf den Automaten beim Eingang. Hier kann man keine Zigaretten kaufen, sondern gute Taten: für 5, 10 oder 20 Euro erfährt man, was man damit bewegt.
In den Kirchenbänken sitzen Männer mit Gesichtern, die von verschlungenen Lebenswegen erzählen wollen und mit Sackgassengeschichten enden. Der Biermann grüßt die Kollegen, geht in die seitliche Kapelle und küsst das Altartuch (in Spanien hat sich Corona damals flott verbreitet). Dann steckt er sich eine Blüte des Blumensträußchens ins Knopfloch und eine Zigarette in den Mund, nimmt sich zwei Semmeln aus der großen Schütte und im rausgehen die Bierdose vom Automaten.
Vor der Kirche bieten Schwarze Ramsch an. An ihre Tücher haben sie Schnüre geknüpft und sehen damit aus wie Daubelfischer an der Donau: Kommt die Polizei, reicht ein Handgriff, um die Auslage zu einem Ballen zu machen, den sie über der Schulter davontragen.
Am 2. Mai 1896, also vor 130 Jahren, wurde die erste U-Bahn des Kontinents eröffnet (nur die in London ist älter); man wollte die Budapester Prachtstraße Andrássy ut nicht mit Schienen und Oberleitungen einer Straßenbahn verunstalten. Gebaut wurde sie anlässlich der Millenniumsausstellung im Stadtwäldchen, eine Art Miniweltausstellung zum tausendjährigen Bestehen Ungarns: Ein Feuerwerk aus Architekturversatzstücken, inspiriert von Bauwerken in ganz Ungarn. Ursprünglich war sogar eine Weltausstellung angedacht gewesen, nun zeigte eine Landesausstellung Geschichte und Gegenwart, mit ethnografischen Exponaten, nachgebauten Bauernhäusern aus dem ganzen Land und einer Leistungsschau der Industrie. In dieser goldenen Epoche der Stadt veränderte ein gründerzeitlicher Bauboom die Stadt, ab 1890 durch die bevorstehenden Feierlichkeiten nochmals befeuert, und die Andrássy war die prachtvolle Hauptachse von Pest, das zwanzig Jahre vorher mit Buda vereinigt worden war.
Ihr voller Name lautet Millenniumi Földalatti Vasút – Millenium ist klar, föld bedeutet Erde, alatt unter, Vasút bedeutet Bahn, das Ungarische bietet keine Anhaltspunkte für intuitive Übersetzungen. Weltweit erkennbare Worte wie Restaurant, Tramway oder Polizei übersetzt man mit étterem, villamos oder rendörség, diese Abgrenzung zu jeder anderen europäischen Sprache führt auch zu einer gewissen Bunkermentalität des ungarischen Volkes.
Aber zurück zur kleinen U-Bahn: Nach der 1000-Jahr-Feier pendelte sie weiterhin unspektakulär zwischen dem Zentrum und dem Stadtwäldchen, unbeeindruckt von allen politischen Systemwechseln in der Stadt darüber, Erweiterungspläne zerschlugen sich. Nur die Station Deák Ferenc tér wurde ein wenig verlegt, im alten Teil das Metromuseum eingerichtet, und 1973 wurde sie um eine Station zum Mexikói út verlängert – hier kann man den Baustil des „Sozialistischen Klassizismus“ bewundern.
In den 1980ern war der Kommunismus ebenso am Ende wie die kleine U-Bahn, in die jahrzehntelang nur wenig investiert worden war, eine Sanierung wurde begonnen, aber 1988 aus Geldmangel abgebrochen. Erst nach dem Umsturz konnte die Stadtverwaltung das Projekt fortsetzen, und 1995 wurde sie endlich aufwendig und originalgetreu renoviert. Heute ist sie mit der darüber liegenden Straße UNESCO-Weltkulturerbe und ist eine Budapester Sehenswürdigkeit geworden.
Als ich in den 1980ern die Stadt erforschte, wurde ich auf ein seltsames Mietshaus aufmerksam. Es war ein dunkler Kasten an der Taborstraße, und ging man hinein, verlor man sich im seltsamen Grundriss: Drei Stiegenhäuser, etliche Lichthöfe, Unmengen von Wohnungen, eigenartige Mieter. Ich wanderte durch das gestapelte Dorf, kam an kleinen Plätzen ebenso vorbei wie an Weggabelungen, an denen Bewohner im Gespräch vertieft waren; sie verstummten misstrauisch, als ich vorbei ging, und ich fühlte mich wie Kafka in seinem Schloss.
Viel später erfuhr ich die Geschichte des Hauses: Das Hotel National war das erste Grand Hotel der Stadt und brachte 1848 bisher unbekannten Luxus ins damals noch verschlafene Wien, lange vor dem Glanz von Gründerzeit, Weltausstellung oder Belle Epoque. Es war hochmodern: Tiefgarage (für 50 Pferde) und Dachterrasse gehörten ebenso zum Projekt wie ein Kommunikationssystem für Bestellungen und Zentralheizung.
Das Ende begann im I. Weltkrieg: Die Heeresverwaltung beschlagnahmte zwei Stockwerke, danach verkaufte der Eigentümer das Haus an Betrüger. Die Jahre danach waren turbulent, viele Zimmer waren zu Dauerwohnungen umgewandelt worden, ein regulärer Hotelbetrieb gelang nicht mehr und wurde 1932 offiziell aufgelassen. Die Nazis brachten hier Polizeidienststellen unter, das Haus wurde zwar restituiert, die Erben verkauften aber 2009 an das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Nach langen Kämpfen haben sie sich nun durchgesetzt: Die letzten Mieter haben das Haus verlassen, außer der Fassade und dem Hauptstiegenhaus wird die historische Substanz den Umbau zu einem Spital geopfert. Dass bei den zahlreichen Hotelprojekten in Wien gerade das ehemalige Hotel National abgerissen werden muss, schmerzt.
Er flog in einer Nußschale um die Erde und wurde damit unsterblich wie Christoph Columbus – und er beschrieb als erster, wie schön unsere Welt ist:
„Ich sehe die Erde! Ich sehe die Wolken, es ist bewundernswert, was für eine Schönheit“
Erst vor 65 Jahren hat zum ersten Mal ein Mensch die Atmosphäre verlassen, ist Juri Gagarin nach einem nicht mal zweistündigen Flug um die Erde sicher gelandet – und hat damit die Amerikaner traumatisiert. Anders als damals gedacht blieb der Weg ins Weltall ein schmaler Pfad, und die Umlaufbahnen sind inzwischen so voller Müll, dass die Raumfahrt vor Problemen steht: Menschen eben.
Vor hundert Jahren war die Welt ähnlich vernetzt wie heute, bevor der 2. Weltkrieg Europa um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. Seinerzeit reiste man luxuriös, und gegen die damaligen Zeppeline wirken heutige Jumbo-Jets wie Spielzeug. Im März 1926 verließ das eleganteste und größte Luftschiff aller Zeiten die Werfthalle: Fast einen Viertelkilometer lang, die Einrichtung im Bauhausstil hochmodern. Speisesaal, Raucherzimmer, Bar, Aufenthaltsraum, Promenadendeck – alles erinnerte an die modernsten Ozeanriesen dieser Zeit. Die Bilder vom Nachbau im Zeppelinmuseum Friedrichshafen zeigen die zeitlose Eleganz der Einrichtung. Der Luxus war überaus exklusiv: Nur 50 Passagiere fasste das Schiff, diesen wurde aber höchster Komfort geboten – und das hatte seinen Preis: die einfache Fahrt Frankfurt-Lakehurst kostete umgerechnet etwa 7000 Euro und war damit etwa doppelt bis dreimal so teuer wie die Fahrt auf den Dampfschiffen.
Konstruktion der HindenburgKonstruktion der HindenburgFertigstellung der Hindenburg
Dr. Hugo Eckener war der Kopf hinter dieser Entwicklung. Er folgte dem legendären Graf Zeppelin nach, der vor der Jahrhundertwende mit ersten Flugversuchen am Bodensee die Menschen seiner Zeit begeistert hatte. Auch wenn Eckener heute wenig bekannt ist – er war es, der den Traum des Grafen schlussendlich verwirklicht hat. Waren die Flugmaschinen zu Zeppelins Lebzeiten noch empfindliche Apparate, deren Benutzung gehörigen Mut abverlangte – nun wurden die Menschen in ihren Luftschiffen tatsächlich zu friedlichen Eroberern des Himmels.
Gesellschaftsraum der Hindenburg, RekonstruktionGesellschaftsraum der Hindenburg, Rekonstruktion
Eckener selbst schreibt über die fragilen Riesen: „Der Zeppelin war von Anfang an als ein Instrument des Friedens und friedlichen Verkehrs gedacht; (…) Wegen seiner leichten Bauart und Verletzbarkeit bei seiner großen Angriffsfläche gedeiht und lebt er nur in einer Atmosphäre eines unbewölkten Friedens (…). Er ist wie einer jener buntschillernden Schmetterlinge, die sinnbezaubernd im Sonnenlicht gaukeln, aber schnell ein schützendes Versteck aufsuchen, wenn ein Unwetter aufzieht. Ich habe deshalb auch öfters (…) die Empfindung gehabt, als ob man in ihm ein Zeichen und Symbol des gesicherten Friedens zu sehen glaubte…“
Eckener, der sich immer offen gegen die Nazis gestellt hatte und später nur wegen seiner Berühmtheit nicht im KZ endete, hat Weltgeschichte geschrieben. Seine Schiffe überflogen alle Kontinente, sein Name war weltbekannt. Fast wäre er sogar gegen Hitler zur Wahl des Reichskanzlers angetreten. Er hatte beste Kontakte zu den USA und hatte schon die Lieferung des unbrennbaren Heliums an Deutschland vereinbart. Der Aufstieg der Nationalsozialisten war der Hinderungsgrund: Ein heliumgefülltes Luftschiff wäre für wohl für militärische Zwecke genutzt worden, die Amerikaner verweigerten die Lieferung, so musste auf den gefährlichen Wasserstoff als Traggas zurückgegriffen werden.
Am 6. Mai 1937 explodierte die Hindenburg vor laufenden Kameras. Die Live-Aufzeichnung, auf der der Reporter Augenzeuge einer Katastrophe wird, blieb erhalten – er bricht verzweifelt in Tränen aus, seine Schilderung des Unfassbaren ist bis heute ein berührendes Dokument. Der Höhepunkt der technischen Entwicklung zerfällt in einem Feuerball, Menschen irren durch das verglühende Gerippe. Der Traum hatte sich überlebt: technisch – 36 Menschen starben bei dem Unfall – und noch mehr politisch. Deutschland hatte mit den Zeppelinfahrten ein letztes Mal friedlich die Welt erobert, der Brand der Hindenburg war auch ein erstes Wetterleuchten des aufziehenden Weltgewitters, das die Idee einer nie mehr erreichten Form des luxuriösen Reisens hinwegfegt.
Auf der Kunstmesse in einem eleganten Innenstadtpalais schaue ich in große Mädchenaugen. Sie gehören zu einer ägyptischen Totenmaske, und sollte man sich in den Blick verlieben, ist die Dame käuflich: um 40.000 € wird sie zur Mitbewohnerin.
In den staatlichen Museen wären historische Exponate zum Anfassen und Mitnehmen undenkbar. Es ist nicht allzu bekannt, dass es Handel mit Antiquitäten jenseits von Omas Biedermeierschränkchen gibt. Die ersten großen Antikensammlungen waren aber privat, und in Österreich sind viele Kunstgegenstände aus archäologischen Grabungen in den Vitrinen des Großbürgertums gelandet. Von den Barbaren des „Tausendjährigen Reichs“ wurde die intellektuelle Klasse Wiens praktisch ausgerottet, damit verschwand nicht nur Talent, Können und Wissen: Die wertvollen Kunstsammlungen wurden von den Nazis gestohlen oder nur knapp ins Ausland gerettet. Vor dem Krieg war Österreich führend im Antikenhandel; dann ging diese Tradition verloren.
Christoph Bacher war Chefredakteur einer großen Wochenzeitung, bevor er sich vor zehn Jahren mit einem kleinen Geschäft am Ring selbstständig gemacht hat. Er will an die große Tradition anschließen, der Erfolg hat sogar ihn überrascht, inzwischen gehört er zu den Top Ten der internationalen Händlerszene. In seinem Schauraum stehen Tafeln mit Hieroglyphen oder römische Statuen – aber auch Schmuck aus der Bronzezeit, ein echter Meteorit oder eine Kannibalengabel. Dabei geht hier nichts ohne sorgfältige Dokumentation: Der Markt ist gesetzlich klar geregelt, dubiose Angebote lehnt Bacher strikt ab. Aber gehören solche Gegenstände nicht eigentlich ins Museum? „Die Museumsdepots platzen aus allen Nähten, die Öffentlichkeit bekommt vieles nie zu sehen. Der private Antikenmarkt kann dabei sogar Lücken in der Forschung schließen“. Sein Lieblingsbeispiel dafür: Ein Relief, das bewiesen hat, dass Tutanchamun Echnatons Sohn war. „Irgendwann werden auch spektakuläre Privatsammlungen an Menschen vererbt, denen Geld wichtiger als Kunst ist – das sind dann die Sternstunden für uns Kunsthändler!“
Ich denke, viele Länder leisten sich irgendeine Unvernunft – die Niederlande das freie Haschischrauchen, Deutschland die Autobahnraserei und Spanien den Stierkampf, eine für den korrekten Mitteleuropäer brachiale Veranstaltung. Vor Jahren war ich in Madrid aber ausreichend neugierig, das archaische Spektakel zu besuchen.
Die Show beginnt mit dem Einzug der Gladiatoren, begleitet von ohrenbetäubenden Fanfaren aus Trompeten, die in Spanien immer etwas falsch gestimmt klingen. Tatsächlich folgte ein widerliches Gemetzel. Beim Fußball muss man etliche Spiele sehen, um ein wirklich gutes Tor mitzuerleben; beim Stierkampf ist es ähnlich. Entsprechend entsetzt bin ich über das jämmerliche Schauspiel, das die ersten beiden Matadore bieten. Ich sehe allerlei rituelle Gesten, Gebete, Bekreuzigungen; sie agieren wie Fußballer, und wenn man die Sprache kennt hört man, dass ihre Interviews ebenso klingen. Wenn diese zarten Männer dann dem massigen Stier gegenüber stehen schneiden sie theatralische Grimassen mit ihren langen Bubengesichtern, bringen ihre Körper in angespannte, aufgeplusterte Positionen, glitzern im „Traje de luces“, dem „Anzug der Lichter“ in den Scheinwerfern: Das Kostüm ist mit Bedeutung und Symbolik aufgeladen, zur knielangen Hose gehören rosa Strümpfe, schwarze Slipper als Schuhwerk, dabei tragen sie Kappen mit seitlichen Mickymausohren. Es ist ein Fest des Machismo, obwohl mich die Arbeit der Matadores an Frauen erinnert – affig kostümiert umtänzeln sie den brutal-rohen Gegner, locken ihn und verweigern dann doch die Erfüllung.
Seltsam, das alles.
Dann aber der dritte Torero, er war älter, es war ein besonderer Anlass: Sein letzter Auftritt in der Arena, die Verabschiedung eines Stars. Und plötzlich erlag ich der Faszination.
Der Mann empfing den Stier an der Puerta de Toriles – knieend, eine besondere Mutprobe. Ein kurzer Schwenk mit dem Cape: Das Tier rast auf ihn los, er bewegt sich kaum, leitet die halbe Tonne Aggression spielerisch an sich vorbei. Mit einigen Passagen versucht der Torero, sich auf den Stier einzustellen, ihn zu „lesen“, dann beginnt der genau choreografierte Ablauf der Corrida. Picadores und Banderilleros reizen den Stier, dieser wird davon aber nicht geschwächt, im Gegenteil, er wird zum immer aggressiveren Gegner für den Abschied des Toreros, der nun wieder übernimmt. Ein tödliches Spiel beginnt, hautnah, elegant: eine Passage reiht sich an die nächste, der Matador bewegt sich scheinbar mühelos, berührt den Stier am Horn, streicht ihm über die Flanke, den Rücken, wenn er an ihm vorbeidonnert. Gleichzeitig wirkt er wie ein präzise geführter Tanzpartner. Immer wieder ruft die Menge „Olé!“. Nun wechselt er das Cape, verbirgt einen langen Degen hinter dem kleinen roten Tuch. Er nimmt die Kappe ab, wirft sie von sich, eine Geste des Respekts vor dem Stier. Einige letzte Passagen, dann stehen sich die Gegner Auge in Auge gegenüber. In der Arena ist es nun völlig still. Die Sekunden dehnen sich, der Torero hebt das Tuch, darüber das Schwert, steht in gespannter Körperposition – dann eine winzige Bewegung mit dem Tuch, ein Locken, der Stier springt mit seiner ganzen Kraft den Mann an, der bleibt praktisch regungslos, wie von selbst verschwindet der Degen zwischen den Schulterblättern. Der Stier ist bereits tot, weiß es nur noch nicht: Er erstarrt, die Beine knicken ein, er bricht zu Boden. Die Anspannung entlädt sich in unfassbaren Jubel, der Meister hebt die Hand, dreht sich einmal langsam herum, grüßt die tobende Menge. Ein grandioser Abschied, ich selbst spüre, wie ich zittere, ich erkenne, dass ich bei einer Sensation dabei war. Während der Stier von 4 Pferden weggezogen wird, nehmen Kollegen den Torero auf die Schultern, tragen ihn eine Runde durch die Arena, eine besondere Ehre für einen besonderen Helden.
Der Stierkampf endet zwar meist schlecht für den Stier, aber das Ergebnis ist trotzdem offen: Schwere Verletzungen bis zum Tod sind ständiges Risiko für die Toreros. Die Tradition wird von Tierschützern natürlich massiv kritisiert, nicht zu Unrecht, etwa 10.000 Stiere landen jährlich über den Umweg durch die Arena im Schlachthof. Allerdings haben sie davor das artgerechteste Leben, das man sich vorstellen kann, im Gegensatz zu den Rindern, die in Massentierhaltung leben und mit problematischen Tiertransporten zum Schlachter gekarrt werden.
Auf Nichtwiener wirkt die Ballsaison vielleicht etwas verschroben-veraltet – für uns ist sie nichts besonderes, gehört selbstverständlich zum Jahreslauf, und Bälle sind auch deutlich weniger formell als es den Anschein macht. Höhepunkt ist der Opernball, und vor etlichen Jahren war ich beauftragt, eine kleine Reportage darüber zu fotografieren. Nun geht man da nicht einfach hin und knipst – mein Auftraggeber bereitete mich umfangreich vor, Frack, Benimmregeln, ein Mädchen als Begleitung, alles. Der Frack hat mich überrascht, es ist ein sorgfältig konstruiertes Kleiderensemble, das nur nach außen komplett wirkt: Die weiße Frackweste ist beispielsweise nur eine Attrappe ohne Rückenteil. Dabei gibt es etliche Regeln, wann und wie er getragen wird: Tagsüber wäre es völlig unmöglich, und wählt man irrtümlich eine schwarze statt der weißen Schleife, wird man zum Kellner. Auch eine Armbanduhr zum Frack ist in besseren Kreisen völlig undenkbar, ist man zum Tête-à-tête verabredet kommt nur eine Taschenuhr in Frage. Die beste Beschreibung des Outfits lieferte die von mir geschätzte Stefanie Sargnagel in ihrem aktuellen Buch „Opernball“:
Sie sind wie mutiertes Geflügel: Vorne ein Pinguin, hinten eine Schwalbe, oben die Fliege, unten der Spatz. Und rundherum der Strauß.
Die Damen sind dagegen Paradiesvögel, was meine Begleitung trug weiß ich nicht mehr, eindrucksvoll war der Schmuck: Sie hatte ihn einfach auf den Körper gemalt, und beim Besuch in der Loge war das Gesicht der damaligen „Ballmutter“ Lotte Tobisch priceless. Dabei wandelt sich die ganze staatstragende Veranstaltung bereits kurz nach Mitternacht: Da geht die Politik schlafen, und zurück bleibt eine immer schräger werdende Party in allen Räumen des Hauses am Ring. Für schöne junge Wiener sind Bälle ebenso Routine wie für die Klofrau, während sich internationale Besucher einen Lebenstraum erfüllen.
Im obersten Rang dann die Zaungäste: Es gibt (oder gab?) eine Zuschauergalerie, deren Besucher bei geringen Eintrittpreisen vom eigentlichen Ball ausgeschlossen waren. Und hier traf ich auch die mondänste Erscheinung des Abends: Eine kleine Dame, wie aus der Zeit gefallen, beobachtete fast regungslos das Fest 20 Meter unter ihrem Platz. Sie war in ihrer bescheidenen Zerbrechlichkeit die eleganteste Besucherin des Opernballs, ausgerechnet in dem Jahr, in dem Richard Lugner seinen peinlichen Stargast-Unfug begann.
All das endet um 5 in der Früh am „Kleinen Sacher“: Am Würstelstand hinter der Oper trifft man die letzten Ballgäste und die ersten Straßenkehrer – denen man dort manchmal ein Glas Champagner spendiert.
Angesichts seiner Endlichkeit das eigene Leben zu multiplizieren: Geschichten erzählen und Erfahrungen weiterzugeben ist ein Urtrieb des Menschen. Jahrtausende lang hat man sich Erinnerungen am Feuer erzählt, bis endlich die Schrift erfunden wurde. Nun baute man den Erzählungen feste Häuser, bald waren sie prachtvoller als die Unterkünfte der Menschen selbst: Für die Geschichten über Götter und das Jenseits wurden Tempel errichtet, reales Wissen dagegen in Bibliotheken gesammelt.
„Nur die Bibliothekare haben ein verlässliches Bild der Welt – das steht schon im ,Mann ohne Eigenschaften‘!“ Im modernen Tiefspeicher der Nationalbibliothek erklärt mir der Archivar erst seine Philosophie, dann die Transportlogistik. „Diese kleine Bahn bringt die bestellten Werke direkt durch die Schächte nach oben in die Lesesäle.“ – Ein Miniaturlift surrt über das Gleissystem nach oben.
Deutlich luftiger ist das „Bücherschiff“, das am Urban-Loritz-Platz vor Anker liegt, mit der Membranüberdachung wirkt es, als hätte es Segel gesetzt über den automobilen Stromschnellen der Gürtelstraße. Die städtische Hauptbibliothek hat ihre Wurzeln im „roten Wien“, vor hundert Jahren glaubte die Sozialdemokratie an die Emanzipation der Arbeiter durch „Bildung für alle“. Heute ist es ein ruhiger Wellnesstempel für Leserinnen und Leser aller sozialen Schichten inmitten der Wogen des stürmischen Verkehrs rundum.
Erinnert die Hauptbibliothek eher zufällig an einen Ozeanriesen, hat sich in Hietzing ein Segler seinen Traum erfüllt. „Luis Borges sagte: ,Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.‘ Das ist das Motto meiner Wasserbibliothek. Hier habe ich die mein Leben prägenden Elemente zusammengeführt: Wasser, Bücher, Licht.“ Alfred Zellinger war und ist Manager, Künstler, Literat, Flaneur; sein schlichtes Siedlungshaus hat er um ein präzise konstruiertes Tortenstück ergänzt, das maritime Formen zitiert, puristisch und effizient. Welche Geschichten haben ihn am meisten geprägt? „Die Sage von Odysseus: Als Segler bin ich seinen Routen gefolgt, habe seine Häfen angelaufen. Er hat mich inspiriert – und zum Europäer gemacht.“
Die Inszenierungen des Serapions-Ensembles verzaubern mich seit Jahrzehnten. Der Name ist eine Ableitung von E.T.A. Hoffmanns Serapiontischen Prinzip: Innen- und Außenwelt fließen ineinander, aus der detailverliebten, visuell dominierten Erzählung formt sich das Gesamtbild, Realität und Phantasie verschmelzen zu einem Traum. Nicht ganz zufällig war „Verwunschen“ nach Liedern von André Heller das erste Stück, auf das ich seinerzeit aufmerksam wurde, Theaterkarten konnte ich mir damals aber noch keine leisten.
Engel aus FeuerVoilá
Glücklicherweise änderte sich das bald, und bei „Double & Paradise“ erlebte ich die Bildexplosionen des Serapions-Ensembles zum ersten Mal, akustisch garniert mit den Minimal-Music-Stücken von Meredith Monk. Nach rastloser Wanderschaft übernahm die Gruppe um Erwin Piplitz und Ulrike Kaufmann dann 1988 den alten Saal der Landwirtschaftsbörse an der Taborstraße und schuf das „Odeon“ – mit viel zu wenig Geld, aber umso größerem Enthusiasmus konservierten sie den magischen Raum in seinem halb verfallenen Schwebezustand.
Rauschen der FlügelAnagóRauschen der Flügel
Als ich an meinem Buch über Lost Places arbeitete, hatte ich auch den alten Börsesaal auf der Liste. Mein Fotowunsch wurde freundlich genehmigt, und nicht nur das: Ob ich vielleicht die aktuelle Produktion fotografieren wolle? Eine bessere Frage hätte mir Piplitz nicht stellen können, und so wurde Realität, was ich mir seit Ewigkeiten gewünscht hatte: Durch die Bühnenbilder des Serapions-Theaters zu spazieren, Teil des Traums zu werden.