Die Stadt ohne Eigenschaften

Madrid ist ein wenig „Stadt ohne Eigenschaften“, es gibt keinen Eiffelturm, keinen Big Ben, nichtmal einen richtigen Fluss. In die historisch-enge Altstadt hat man ab 1910 die „Gran Via“ geschnitten, nun werden in Ermangelung ikonischer Sehenswürdigkeiten ihre neobarocken Schlagobershochhäuser bestaunt. Die beiden höchsten Türme spannen mit großer Geste einen Platz auf, gleich hinter dieser Kulisse ducken sich kleine Altbauten im Schatten. Das berühmteste Denkmal der Stadt steht hier: Es ist Don Quijote, der verrückte Ritter, und er passt nur zu gut zu diesem Fiebertraum der Stadtplanung.

Unter den Türmen von Metropolis gibt es auch viel Armut. Schilderhochhalter, Inkostümenrumsteher, Insrestaurantlocker sind zahlreich. Plötzlich stehe ich vor einer ungewöhnlichen Kirche, Lichtschlangen blinken, Bildschirme erzählen Frohbotschaften: Die Iglesia de San Antón ist ein Sozialprojekt. Ein Mann geht an mir vorbei, etwas erfrischt stellt er sein Wegbier auf den Automaten beim Eingang. Hier kann man keine Zigaretten kaufen, sondern gute Taten: für 5, 10 oder 20 Euro erfährt man, was man damit bewegt.

In den Kirchenbänken sitzen Männer mit Gesichtern, die von verschlungenen Lebenswegen erzählen wollen und mit Sackgassengeschichten enden. Der Biermann grüßt die Kollegen, geht in die seitliche Kapelle und küsst das Altartuch (in Spanien hat sich Corona damals flott verbreitet). Dann steckt er sich eine Blüte des Zierblumensträußchens ins Knopfloch und eine Zigarette in den Mund, nimmt sich zwei Semmeln aus der großen Schütte und im rausgehen die Bierdose vom Automaten.

Vor der Kirche bieten Schwarze Ramsch an. An ihre Tücher haben sie Schnüre geknüpft und sehen damit aus wie Daubelfischer an der Donau: Kommt die Polizei, reicht ein Handgriff, um die Auslage zu einem Ballen zu machen, den sie über der Schulter davontragen.

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