Das erste Haus am Platze

Als ich in den 1980ern die Stadt erforschte, wurde ich auf ein seltsames Mietshaus aufmerksam. Es war ein dunkler Kasten an der Taborstraße, und ging man hinein, verlor man sich im seltsamen Grundriss: Drei Stiegenhäuser, etliche Lichthöfe, Unmengen von Wohnungen, eigenartige Mieter. Ich wanderte durch das gestapelte Dorf, kam an kleinen Plätzen ebenso vorbei wie an Weggabelungen, an denen Bewohner im Gespräch vertieft waren; sie verstummten misstrauisch, als ich vorbei ging, und ich fühlte mich wie Kafka in seinem Schloss.

Viel später erfuhr ich die Geschichte des Hauses: Das Hotel National war das erste Grand Hotel der Stadt und brachte 1848 bisher unbekannten Luxus ins damals noch verschlafene Wien, lange vor dem Glanz von Gründerzeit, Weltausstellung oder Belle Epoque. Es war hochmodern: Tiefgarage (für 50 Pferde) und Dachterrasse gehörten ebenso zum Projekt wie ein Kommunikationssystem für Bestellungen und Zentralheizung.

Das Ende begann im I. Weltkrieg: Die Heeresverwaltung beschlagnahmte zwei Stockwerke, danach verkaufte der Eigentümer das Haus an Betrüger. Die Jahre danach waren turbulent, viele Zimmer waren zu Dauerwohnungen umgewandelt worden, ein regulärer Hotelbetrieb gelang nicht mehr und wurde 1932 offiziell aufgelassen. Die Nazis brachten hier Polizeidienststellen unter, das Haus wurde zwar restituiert, die Erben verkauften aber 2009 an das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Nach langen Kämpfen haben sie sich nun durchgesetzt: Die letzten Mieter haben das Haus verlassen, außer der Fassade und dem Hauptstiegenhaus wird die historische Substanz den Umbau zu einem Spital geopfert. Dass bei den zahlreichen Hotelprojekten in Wien gerade das ehemalige Hotel National abgerissen werden muss, schmerzt.

Für das Buch „Geheimnisse Wiener Hotels“ habe ich unter anderem auch dieses Gebäude fotografiert

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