In den Passagen von Paris

In den Passagen von Paris

Paris fühlt sich schon länger nicht mehr an wie ein Reiseziel, eher wie ein Stadtteil meiner Heimat; ich bin häufiger an den Hallen, der Seine oder im Marais als in Kagran oder Hietzing, und steige sicher öfter in die Metro als in die Wiener U-Bahn. Damit verliert sich auch der Effekt, staunend durch eine fremde Stadt zu spazieren, trotzdem gibt es viele Orte, die ich „sammle“ oder die immer wieder in den Fokus rücken. Ein dauerhafter Sehnsuchtsort sind die Passagen, die schon Walter Benjamin bezaubert haben; hier verdichtet sich Paris zur Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Ich bin zwar kein besonderer Freund seiner verschwurbelten Prosa, aber manche marihuanadurchtränkten Assoziationsblitze zu den Passagen kann ich nachvollziehen:

Passagen sind Häuser oder Gänge, welche keine Außenseite haben – wie der Traum.

Und tatsächlich steht dort die Zeit still. Manchmal flackert sie aber auch eigenartig: Ein Antiquariat, das ich in den 1980er Jahren entdeckt hatte, war Inspiration für meinen Mystery-Roman Das Verdammte Manuskript, und ich war traurig, als es eines Tages verschwunden war. Jahre später war es wieder da, mit den selben rätselhaften Kunstbüchern von Luigi Seraphini in der Auslage wie damals – und ich habe nicht geträumt! Diesmal war es allerdings wieder verschwunden, aber wer weiß, vielleicht sehe ich es irgendwann doch wieder…

Weitere Fotos: https://www.viennaslide.com/features/Paris-Passagen/

Für das Spectrum der Presse habe ich etwas ausführlicher dazu geschrieben

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Eben erinnere ich mich an einen früheren Lokaltipp für Paris: Le p’tit bar, eröffnet 1965, 7 rue Richard Lenoir nahe Bastille. 2014 war Madame Polo noch am Leben, auch wenn das auf den Fotos nicht so deutlich rüberkommt. Man garantierte für nichts, empfohlen wurde aber, das Bier eher in der Flasche statt offen zu bestellen, aus den Gläsern zu trinken war zu vermeiden. Rudimentäre Französischkenntnisse erhöhten den Spaß, auch wenn Madame Polos ihre Erinnerungen eher fragmentiert vorgetragen hat. Leider wurde die riesige Katze, die ebenfalls hier ansässig war, heimatlos: Madame Polo ist 2017 nach einem Verkehrsunfall verstorben.

Die G’schicht hat a Maschn

Die G’schicht hat a Maschn

Eine bizarre Sehenswürdigkeit ist aufgepoppt: Das alteingesessene Modehaus Popp & Kretschmer wurde zum Insta-Hotspot, aber nicht wegen der Ware. Das riesige Weihnachtsmascherl an der Fassade gibt es zwar schon seit Jahren, aber jetzt wurde die internationale Influenzer-Szene irgendwie darauf aufmerksam, ist es Hintergrund geworden für posierende junge Frauen, Gesichter wie Outfits schwer unterscheidbar . Leider sind die idealen Fotospots mitten auf der Straßenkreuzung, nach den Massenmedien wurde die Polizei aufmerksam, im 90-Sekunden-Takt räumt sie nun mit bemühter Ernsthaftigkeit die Fahrbahn, zum roten Schleifenglitzer kommt flackerndes Blaulicht. Um die Attraktion hat sich bereits Kleinstgewerbe etabliert: „You want Foto?“ fragt ein Polaroid-Fotograf. Morgen komme ich mit einem Bündel Selfie-Sticks – als Unternehmer kann ich mir keine Geschäftsidee entgehen lassen!

Stille Tage im Klischee

Stille Tage im Klischee

Es war das Netflix meiner Jugendzeit: Die abfällig „Groscherlromane“ genannten Heftserien, die wöchentlich erschienen und nach einmal lesen meist eingetauscht wurden. Dabei wurde jeder Geschmack befriedigt, es gab (und gibt bis heute!) Cowboy-, Krimi- oder Science-Fiction-Geschichten, Liebesromane, Ärzteserien, bis hin zu „Landser“-Geschichten (Landser waren die deutschen Soldaten im II. Weltkrieg, und deren Geschichten von Ruhm und Ehre werden bis heute gelesen – bis jetzt unentdeckt von der grassierenden Political Correctness). Marktführer ist dabei der Bastei-Verlag, die erfolgreichste Romanserie erscheint allerdings bei der Konkurrenz Pabel-Moewig: „Perry Rhodan“, der Weltraumheld, der sich seit 1961 in bis jetzt mehr als 3000 Wochenheften durch das All kämpft, ist auch außerhalb der Szene bekannt.

Romanschwemmen gab es früher an fast jeder Straßenecke, inzwischen sind sie beinahe ausgestorben. Ein wunderbares Relikt ist das kleine Geschäft von Frau Sarközi am Beginn der Prager Straße in Floridsdorf. Taschenbücher und Heftromane stapeln sich bis zur Decke, die Ordnung ist penibel, der Duft des alten Papiers lässt sofort Erinnerungen wach werden. Dabei werden die Groschenromane oft unter ihrem literarischen Wert gehandelt: gerade im Bereich SciFi wurden Autoren wie Arthur C. Clarke (2001:Odysee im Weltraum), Edgar Rice Burroughs (Tarzan) oder Philip K. Dick (Blade Runner, Minority Report) weltbekannt. Das bestätigt auch Frau Sarközi, die selbst gerne liest – „quer durch die Themen“, wie sie sagt – und die teils hohe Qualität der Bücher bestätigt. Natürlich wird man mit so einem Geschäft nicht reich, aber es trägt sich, und ans zusperren denkt sie keinesfalls: zu viele Geschichten warten noch zwischen angegilbten Einbänden auf ihre Entdeckung an stillen Tagen im Klischee.

Tipp: In meinem Buch Randschaften habe ich Geschäfte portraitiert, von denen es in Wien nicht mehr allzuviele gibt

Auf der Buchmesse

Auf der Buchmesse

In den Sozialen Medien ist mir die Szene der verhinderten Autoren aufgefallen, um die herum sich eine regelrechte Industrie gebildet hat – in Schreibworkshops, Kursen und Coachings bestärken sie sich so lange, bis sie im Eigenverlag (also auf eigene Kosten) ihr Buch auf einen nicht vorhandenen Markt bringen. Die Buchmesse ist dann der Garten voller hochhängender Trauben, so nah kommt man den Profis sonst nirgendwo, und wenn man am Stand von Suhrkamp ein Büchlein ersteht, hat man das Gefühl, direkt aus der Quelle getrunken zu haben.

Selbst schreibe ich zwar recht viel, fühle mich aber nicht direkt als Autor. Ich empfinde Schreiben mehr Notwendigkeit und Handwerk denn als große Kunst – wenn es etwas zu sagen gibt finden sich die Worte von selbst, l’art pour l’art liegt mir nicht so.

Von einem meiner Verlage wurde ich zu Propagandazwecken auf die Buchmesse befohlen. Ich fühle dann, doch irgendwie dabei zu sein, schon die Möglichkeit, seine Jacke im Messestand des Verlages verstauen zu dürfen schafft ein Gefühl der Gildezugehörigkeit – auch wenn die Signierstunde zur Resignierstunde wird, weil doch keiner das Buch kaufen möchte.

Neben den Platzhirschen gibt es eine seltsame Gruppe von Spezialverlagen, hier wähnt man sich auf der Esoterikmesse, hat die Ahmadiyya Muslim Jamaat ihre Koje neben dem Christlichen Gesundheitswerk, nur getrennt durch „Happy Science“ (mit Wissenschaft haben die lächelnden Asiaten aber wohl wenig zu tun). Hier steht die Drückerkolonne wie vor einer venezianischen Pizzeria und zieht die Messebesucher in Gespräche – die meisten nehmen deshalb lieber die nächste Gasse. Auch sonst Skurrilitäten: „Fleisch“, eigentlich ein Gesellschaftsmagazin, erhielt den Stand zwischen Kochbox und Espressomobil, offensichtlich in Verkennung des Themas.

Will man zum Ausgang, muss man erst durch die Halle von Thalia – ähnlich wie ein Museumsshop, hier werden die in Stimmung gekommenen Autoren nochmal gemolken und mit dem konfrontiert, was sie nie erreichen werden: Bücher, die auch tatsächlich verkauft werden.

Die Kathedralen des Abschieds

Die Kathedralen des Abschieds

Europas Abschiedskathedralen strahlen wie vor hundert Jahren, und wie damals quirlen die Menschenmassen durch die Glashallen, auch wenn das Stampfen der Dampfmaschinen vom Heulen der Elektroloks abgelöst wurde: Heute treffen moderne Superzüge auf klassische Architektur der großen Zeit der Eisenbahn. Immer noch allgegenwärtig ist die Bahnhofsuhr, sie kennt keine Standesdünkel, ihrem eisernen Regime unterwerfen sich Businesspeople und Interrailhippies ebenso wie die Familie am Ausflug zur Oma.

Weitere Fotos: https://www.viennaslide.com/p/7700-traffic/Abschiedskathedralen/

Denkmäler der Bequemlichkeit

Denkmäler der Bequemlichkeit

Im hügeligen Lissabon fahren die kleinen Straßenbahnen wie Tobbogans durch die Gassen der Alfama, und wo es ihnen zu steil wird, helfen die Elevadores: uralte Standseilbahnen, die durch tief eingeschnittene Schluchten von Altstadthäusern nach unten sinken. Die Reise ist kurz, erfolgt aber ohne Hast; vor allem nachts ist das Bild magisch, wenn das Licht aus den Waggons über die Fassaden huscht, während außer leisem rumpeln wenig zu hören ist – der Motor summt diskret, ein wenig quietschen in einer Kurve, das Sicherheitsseil zwischen den beiden Wagen schabbelt ein wenig in der Stahlrille. Im Licht der Laternen laufen die Schienen wie Bäche aus Quecksilber in die dunkle Nacht.

Als Freund historischer Technik erinnern mich derartige Bahnen an eine Vergangenheit ohne Hektik; bei meinem Besuch 2001 hatten die Maschinisten immer genug Zeit, zwischen zwei Fahrten in aller Ruhe den selbstgegrillten Steckerlfisch zu genießen. So kurz die Fahrt war, so selten fand sie statt, aber in Europas romantischem Westen ist vieles anders organisiert als in den auf Effizienz gepolten Städten unserer Gegend.

Nun geschah die Katastrophe: Beim berühmtesten Elevador riss das Seil, die Bremsen versagten, der über hundert Jahre alte Wagen raste den Abhang hinunter und schlug in ein Haus ein – das Fahrzeug zerfiel laut Augenzeugen wie ein Pappkarton, etwa 17 Menschen starben. Nun stehen die Elevadores still; ob diese Denkmäler der Bequemlichkeit ihre geruhsamen Fahrten nach der Tragödie wieder aufnehmen werden ist ungewiss.

Weitere Fotos und Videos: https://www.tramway.at/lissabon/elevadores.html

Gasthaus Praschl

Kreta in Wien

Wien-Favoriten: „Kreta“ wird dieser kleine Stadtteil genannt, der wie eine Insel zwischen Verkehrsbändern liegt, vor der Klippenküste eines monströsen Gemeindebaus der 1980er, am äußersten Rand des Bezirks.

Herr Praschl ist ein stiller Mann. Inmitten der bunten Flackerlichter der Zuwanderer-Lokale in der „Kreta“ ist es das letzte Wiener Gasthaus, und es bleibt dunkel – „es sind ja eh keine Gäste da“. Die wenigen, die doch kommen, sind einsame Seelen der Umgebung, die in langen Monologen die unverbrüchliche Treue von Freundschaften heraufbeschwören, die nach einigen Flaschen Bier nur am Wirtshaustisch existieren: Feststellungen von großer Tragweite, getroffen mit großer Schlagseite. Herr Praschl hört all dem geduldig zu, stundenlang, nur manchmal dringt er mit kleinen leisen Bemerkungen in die verschachtelte Unlogik lauter Wiederholungen der Vortragenden. „Ich brauch Freind, die besser san als I – I bin nur a afoches Madl!“: Aus dem Brei irrlichternder Emotionen ragen da gelegentlich scharf akzentuierte Wortbrocken, laut in den Raum gestellt, im Zeitverlauf dann immer mehr durch stumme Gesten ersetzt; die Hände können länger sprechen als die Lippen, wenn der Kopf schwer wird.

Herr Praschl sitzt weiterhin da und hört zu, nur manchmal kommt doch etwas Bewegung ins Lokal: Die Bewohner des Gemeindebaus holen sich im Gassenverkauf Bier oder Red Bull, je nach ethnischen Wurzeln, und irgendwann hält es auch Frau Brigitte nicht mehr aus am Holzbankerl: Dann tanzt sie im scharf aus dem Dunkel geschnittenen Bogen zu lautloser Karaokemusik, bis sich Herr Praschl doch überreden lässt – und endlich das Radio einschaltet, nur halblaut, denn Herr Praschl ist ein stiller Mann.

Schlussendlich wurde es zu still im Gasthaus Praschl: Die Corona-Krise hat das Geschäft ausgetrocknet, die Kreta ist zu abgelegen, um Gäste von außerhalb des kleinen Stadtteils anzuziehen. 2024 musste das Gasthaus schließen, ein kleines Denkmal aus Papier konnte ich ihm noch in meinem Buch Randschaften errichten.

Tipp: In meinem Buch Randschaften habe ich Geschäfte portraitiert, von denen es in Wien nicht mehr allzuviele gibt

Wie André Heller die Welt bezaubert

Wie André Heller die Welt bezaubert

Gerade wurde André Heller 78 Jahre alt, ein Mann, der wie kein anderer mein Leben inspiriert hat. Er wurde von der Wiener Kulturmischpoche lange nicht ausreichend ernst genommen, dabei hat sein liebevoll-amateurhafter Zugang mehr Menschen begeistert als alle Neider zusammen. Ich wurde auf ihn aufmerksam, als er mit „Flic-Flac“ erstmals vergessene Künste neu belebte; leider hatte ich damals kein Geld, die Vorstellungen zu besuchen, ebenso undenkbar war eine Reise zum Feuertheater nach Lissabon. Aber: Sein Wille zur Verwirklichung um jeden Preis hat mich angesteckt.

1987 erreichte mich ein Anruf, ein Glückszufall wie so oft: Eine Wiener Messebaufirma konstruierte Jahrmarktstandln, ich sollte die Aufbauanleitungen dafür zeichnen – es war ein von Heller organisierte Kunstrummelplatz, ich arbeitete mich durch Stangen, Planen, Verspannungen. Inkludiert war eine Reise nach Hamburg, wo all dies erstmals aufgestellt wurde, und ich fand mich bei „Luna Luna“ wieder. Hier wurde ich erstmals mit Künstlern wie Attersee, Topor oder Brus konfrontiert und sofort robust bezaubert, auch wenn vor fast 40 Jahren nicht absehbar war, dass Keith Haring (ich traf ihn im U4) zum Weltstar oder Jean-Michel Basquiat (leider bald verstorben) zum weltweit teuersten Künstler werden sollte.

Die damals schlicht naive Freude an alledem ist bis heute Basis meiner Liebe zu moderner Kunst. Ebenfalls bis heute sind Hellers Verwirklichungen Ansporn für meine Arbeit: immer neues zu probieren, „just do it“ – als Designer, Architekt, Galerist, Künstler, Fotograf und Autor, und wer weiß, was noch alles kommt.

Luna-Luna verschwand nach Rechtsstreitigkeiten für Jahrzehnte in Containern. Die Idee, die höchstkarätige Kunstattraktion in Wien aufzustellen, scheiterte an der provinziellen Politik. Aber jetzt: Endlich kommen die Schätze wieder ans Licht, endlich wurden die 44 in Texas gelagerten Container wieder geöffnet, endlich die Attraktionen in Los Angeles und New York wieder gezeigt. Eine Weltournee folgt vielleicht.

„Sich lernend verwandeln“: Diesen Rat hat mir André Heller gegeben, ich habe ihn befolgt, und es ist eines der besten möglichen Lebenskonzepte. Möge er hundertzwanzig Jahr‘ alt werden!

https://lunaluna.com

Abschied von der stillen Stadt

Abschied von der stillen Stadt

Ab dem 16. März 2020 wurde erstmals ein bundesweiter Lockdown verfügt, der ab Ostern wieder schrittweise gelockert und am 1. Mai 2020 gänzlich aufgehoben wurde. Es war in diesen Wochen leicht, dystopische Fotos zu machen; besser gefiel mir aber, wie sich die Stadt in dieser Zeit anfühlte, wie sie von den Menschen wieder in Besitz genommen wurde. Die Stimmung erinnerte mich an meine Kindheit, an einen Samstagnachmittag im Sommer, wenn die Geschäfte schon geschlossen hatten und man den freien Sonntag noch vor sich hatte.

Als noch nicht an jeder Ecke ein Fast-Food-Standl lockte, schmierte man sich ein Butterbrot und setzte sich in den Park; auf der Bank las man ein Buch, man hatte ja Zeit. Und so war es auch jetzt: Die Wohngegenden waren wieder große leise Inseln, Autos hörte man meist nur, wenn man den Hauptstraßen zu nahe kam, ansonsten schnitt schon das Sirren eines Fahrrades einen dünnen Strich in die Stille, eine neue Leichtigkeit schien über der Stadt zu liegen.

Um Abstand zu halten wich man auf die Fahrbahn aus, und man ging nach Gehör: wenn das ständige Hintergrundrauschen verstummt, nimmt man ein Fahrzeug wahr, lang bevor es zur Gefahr wird. Auch die Innenstadt war nun wieder wie damals, als ich begann sie zu erforschen, keine Touristengruppe, kein grelles Lokal störte die Sicht auf die Palais, von deren Schönheit nun kaum etwa ablenkte. Wien war endlich wieder Stadt für Flaneure, sonst zu laut und zu gedrängt für zielloses Streunen. Der letzte Spaziergang war aber auch wehmütig: die Geschäfte öffneten wieder, damit ging dieser eigenartige ewige Samstag zu Ende. Er war teuer erkauft, wird aber als wertvolle Erinnerung bleiben.