Die Zigarren der Riesen

Die Zigarren der Riesen

Vor hundert Jahren war die Welt ähnlich vernetzt wie heute, bevor der 2. Weltkrieg Europa um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. Seinerzeit reiste man luxuriös, und gegen die damaligen Zeppeline wirken heutige Jumbo-Jets wie Spielzeug. Im März 1926 verließ das eleganteste und größte Luftschiff aller Zeiten die Werfthalle: Fast einen Viertelkilometer lang, die Einrichtung im Bauhausstil hochmodern. Speisesaal, Raucherzimmer, Bar, Aufenthaltsraum, Promenadendeck – alles erinnerte an die modernsten Ozeanriesen dieser Zeit. Die Bilder vom Nachbau im Zeppelinmuseum Friedrichshafen zeigen die zeitlose Eleganz der Einrichtung. Der Luxus war überaus exklusiv: Nur 50 Passagiere fasste das Schiff, diesen wurde aber höchster Komfort geboten – und das hatte seinen Preis: die einfache Fahrt Frankfurt-Lakehurst kostete umgerechnet etwa 7000 Euro und war damit etwa doppelt bis dreimal so teuer wie die Fahrt auf den Dampfschiffen. 

Dr. Hugo Eckener war der Kopf hinter dieser Entwicklung. Er folgte dem legendären Graf Zeppelin nach, der vor der Jahrhundertwende mit ersten Flugversuchen am Bodensee die Menschen seiner Zeit begeistert hatte. Auch wenn Eckener heute wenig bekannt ist – er war es, der den Traum des Grafen schlussendlich verwirklicht hat. Waren die Flugmaschinen zu Zeppelins Lebzeiten noch empfindliche Apparate, deren Benutzung gehörigen Mut abverlangte – nun wurden die Menschen in ihren Luftschiffen tatsächlich zu friedlichen Eroberern des Himmels.

Eckener selbst schreibt über die fragilen Riesen: „Der Zeppelin war von Anfang an als ein Instrument des Friedens und friedlichen Verkehrs gedacht; (…) Wegen seiner leichten Bauart und Verletzbarkeit bei seiner großen Angriffsfläche gedeiht und lebt er nur in einer Atmosphäre eines unbewölkten Friedens (…). Er ist wie einer jener buntschillernden Schmetterlinge, die sinnbezaubernd im Sonnenlicht gaukeln, aber schnell ein schützendes Versteck aufsuchen, wenn ein Unwetter aufzieht. Ich habe deshalb auch öfters (…) die Empfindung gehabt, als ob man in ihm ein Zeichen und Symbol des gesicherten Friedens zu sehen glaubte…“

Eckener, der sich immer offen gegen die Nazis gestellt hatte und später nur wegen seiner Berühmtheit nicht im KZ endete, hat Weltgeschichte geschrieben. Seine Schiffe überflogen alle Kontinente, sein Name war weltbekannt. Fast wäre er sogar gegen Hitler zur Wahl des Reichskanzlers angetreten. Er hatte beste Kontakte zu den USA und hatte schon die Lieferung des unbrennbaren Heliums an Deutschland vereinbart. Der Aufstieg der Nationalsozialisten war der Hinderungsgrund: Ein heliumgefülltes Luftschiff wäre für wohl für militärische Zwecke genutzt worden, die Amerikaner verweigerten die Lieferung, so musste auf den gefährlichen Wasserstoff als Traggas zurückgegriffen werden. 

Am 6. Mai 1937 explodierte die Hindenburg vor laufenden Kameras. Die Live-Aufzeichnung, auf der der Reporter Augenzeuge einer Katastrophe wird, blieb erhalten – er bricht verzweifelt in Tränen aus, seine Schilderung des Unfassbaren ist bis heute ein berührendes Dokument. Der Höhepunkt der technischen Entwicklung zerfällt in einem Feuerball, Menschen irren durch das verglühende Gerippe. Der Traum hatte sich überlebt: technisch – 36 Menschen starben bei dem Unfall – und noch mehr politisch. Deutschland hatte mit den Zeppelinfahrten ein letztes Mal friedlich die Welt erobert, der Brand der Hindenburg war auch ein erstes Wetterleuchten des aufziehenden Weltgewitters, das die Idee einer nie mehr erreichten Form des luxuriösen Reisens hinwegfegt.

Für das Spectrum der Presse habe ich zum Thema ausführlicher geschrieben