Mussolinis letzte Stadt

Mussolinis letzte Stadt

Im faschistischen Italien kam es zu einigen Stadtneugründungen, vorerst in den Pontinischen Sümpfen südöstlich von Rom – deren Trockenlegung war Teil von Mussolinis Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Die erste neue Stadt ist Littoria (heute Latina), ihr folgen noch einige weitere „città nuove“ in der Region: fünf Jahre, fünf Städte, ein großer Propagandaerfolg. 1937 wird ein letztes Musterstädtchen angelegt, symbolhaft für die Zusammenarbeit von Großkapital und Faschismus, eine Modellsiedlung für die Zusammenführung von Industrie und Landwirtschaft: Torviscosa. Schilfrohr wird auf riesigen, geometrisch angeordneten Feldern gepflanzt und in der Fabrik zu Zellulose verarbeitet: Hier wird die Versöhnung von Natur und Industrie gefeiert und von Futuristen als „Potenz der Geometrie“ besungen. Geplant für 5.000 Menschen, bewohnt von knapp 3.000 – die Stadt kann die leeren Grundstücke an den großzügigen Achsen nie füllen; so bleibt die pathetische Prachtstraße mit ihren martialischen Sportlerstatuen vor dem Freibad bis heute ein zu breiter Weg durch einen wilden Park.

Toviscosa wurde unter Benito Mussolini 1938 nach Trockenlegung der umliegenden Sümpfe als Prestigeobjekt mit einer riesigen Zellulose-Fabrik und architektonisch durchdachter Arbeitersiedlung im Sinne großer Autarkiebestrebungen angelegt.

Einige der verfallenden Gebäude wurden zwar anlässlich der 50-Jahr-Feier renoviert, trotzdem erinnern die Arkaden entlang menschenleerer Plätze an die irrationalen Bilder eines Giorgio de Chirico. Torviscosa war eine der letzten von zwölf faschistischen Stadtgründungen und damit das Ende der Idee, die Arbeiter in autarken GartenstadtIdyllen mit Fabrik, Freizeitanlagen, Theater, Sportstätten und Restaurants unterzubringen und damit schlussendlich zu kontrollieren.

Bilder: https://www.viennaslide.com/features/Torviscosa/

Berlin, Brandenburger Tor

Berlin

Berlin also. Lang hab ich mich gedrückt, ich wollt’ ja nie so richtig hin, weil ich mich geärgert habe, diese seltsame, im Meer der Finsternis schwimmende Insel nicht rechtzeitig vor dem Mauerfall angesteuert zu haben.

Aber jetzt: Endlich da.

Und ich war nicht vorbereitet auf die Wucht, mit der die Stadt mit Geschichte aufgeladen ist. Am 9. November 1989 saß ich vor meinen kleinen Schwarzweissfernseher, mit offenem Mund und feuchten Augen. Und heute reichen allein die Namen, um mich zutiefst zu erschüttern: Von Wannsee nach Spandau sind es nur paar S-Bahn-Stationen, das Olympiastadion dazwischen. Brandenburger Tor, Reichstag, Friedrichstraße, Bornholmer Brücke, Bahnhof Zoo ohne Kinder vom, Unter den Linden, Berlin Alexanderplatz. Und da, wo einfach ein paar Pflastersteine den früheren Verlauf der Mauer andeuten, hab ich noch die Stimme einer Frau im Ohr, die etwas zu spät dran war: “Ick will doch nur eenmal im Leben durchs Brandenburger Tor gehn, nich’ mehr!” – und der plötzlich weichgewordene Stasi-Offizier geht mit ihr nach dem Ende der Mauerparty tatsächlich von Osten her durch die Sprrerrzone, das seltsame Paar ist als Schattenriss einsam zwischen den Säulen zu sehen.

Damals hat mein Europa begonnen, und die Liebe hat seither nie mehr nachgelassen.

Reise in die Freiheit

Reise in die Freiheit

Budapest, vor einigen Tagen (Sommer 2015). Der Keleti-Bahnhof (von dem die Züge nach Westeuropa fahren) ist belagert – von Wochenendtouristen, Interrailjugendlichen und Flüchtlingen. Vor dem Bahnhof gibt es nicht nur 35°C, sondern auch eine Betreuungseinrichtung und Wasser, ein schattiger Bereich ist provisorisch etwas abgetrennt. Im Park nebenan waschen die Menschen ihre Leiberln.

Dann, im Zug nach Wien, im bunt gefüllten Speisewagen, zwischen bierseligen Jugendlichen und ungarischen Kellnern nebst meiner Wenigkeit eine Familie, deren Outfit ebenso heraussticht wie die überdeutliche Unsicherheit, mit der sie sich in den Wagen drückt. Ich wundere mich, dass die Familie mit dem Railjet nach Wien reist und gehe nicht davon aus, dass sie das Ziel erreichen wird. Scheu setzt sich der etwa 15jährige Sohn mit seiner kleinen Schwester auf den leeren Sitzplatz, mir gegenüber, nachdem ich ihm deutete Platz zu nehmen; ich lächle ihn an, frage ihn, „english? francais? deutsch?“, die Antwort ist jedesmal ein bedauerndes kopfschütteln. Er ist gut erzogen, das merke ich an seinen Bewegungen und seiner Art; ordentlicher Haarschnitt, paar Pubertätspickel, Bartflaum.

Ich beschließe ihn zum Essen einzuladen, sobald wir unterwegs sind. Soweit kommt es nicht – die Grenzpolizei erscheint, „Passport?“, die Familie wird noch kleiner als sie schon ist; in Kelenföld – dem Budapester Meidling – ist die Fahrt schon wieder zu Ende. So deutlich wie kaum je spüre ich die weit offene Schere zwischen meinem grenzenlosen Europa und dem der Flüchtlinge. Während die traurige Kolonne auf den Bahnsteig bugsiert wird, kommt mein Karottenschaumsüppchen; der junge Mann schaut noch einmal durchs Fenster zu mir herauf, ich hätte es ihm gerne überlassen.

Persönlich tut er mir unendlich leid, gleichzeitig ist mir die Verzweiflung bewusst: ohne Sprachkenntnisse, ohne Pass, ohne Netzwerk und Struktur ein neues Leben in einer völlig fremden Welt zu beginnen scheint chancenlos. Trotzdem verfluche ich unsere Politik: sie scheitert teils absichtlich an der einfachen Aufgabe, paar tausend Menschen unterzubringen, jeder Unternehmer hätte den Job in paar Tagen locker gelöst. Dabei kommt die eigentliche Herausforderung erst: Es werden noch viel mehr folgen, und sie wären (noch) hochmotiviert, sich für ihre neue Heimat einzusetzen. Dieses Momentum nicht zu nutzen ist ein riesiger Schaden für das Land, und ich sehe rabenschwarz, wenn es schon bei den recht einfachen Problemstellungen in Traiskirchen scheitert.