Rendez-vous mit dem Tod

Rendez-vous mit dem Tod

Ich denke, viele Länder leisten sich irgendeine Unvernunft – die Niederlande das freie Haschischrauchen, Deutschland die Autobahnraserei und Spanien den Stierkampf, eine für den korrekten Mitteleuropäer brachiale Veranstaltung. Vor Jahren war ich in Madrid aber ausreichend neugierig, das archaische Spektakel zu besuchen.

Die Show beginnt mit dem Einzug der Gladiatoren, begleitet von ohrenbetäubenden Fanfaren aus Trompeten, die in Spanien immer etwas falsch gestimmt klingen. Tatsächlich folgte ein widerliches Gemetzel. Beim Fußball muss man etliche Spiele sehen, um ein wirklich gutes Tor mitzuerleben; beim Stierkampf ist es ähnlich. Entsprechend entsetzt bin ich über das jämmerliche Schauspiel, das die ersten beiden Matadore bieten. Ich sehe allerlei rituelle Gesten, Gebete, Bekreuzigungen; sie agieren wie Fußballer, und wenn man die Sprache kennt hört man, dass ihre Interviews ebenso klingen. Wenn diese zarten Männer dann dem massigen Stier gegenüber stehen schneiden sie theatralische Grimassen mit ihren langen Bubengesichtern, bringen ihre Körper in angespannte, aufgeplusterte Positionen, glitzern im „Traje de luces“, dem „Anzug der Lichter“ in den Scheinwerfern: Das Kostüm ist mit Bedeutung und Symbolik aufgeladen, zur knielangen Hose gehören rosa Strümpfe, schwarze Slipper als Schuhwerk, dabei tragen sie Kappen mit seitlichen Mickymausohren. Es ist ein Fest des Machismo, obwohl mich die Arbeit der Matadores an Frauen erinnert – affig kostümiert umtänzeln sie den brutal-rohen Gegner, locken ihn und verweigern dann doch die Erfüllung.

Seltsam, das alles.

Dann aber der dritte Torero, er war älter, es war ein besonderer Anlass: Sein letzter Auftritt in der Arena, die Verabschiedung eines Stars. Und plötzlich erlag ich der Faszination.

Der Mann empfing den Stier an der Puerta de Toriles – knieend, eine besondere Mutprobe. Ein kurzer Schwenk mit dem Cape: Das Tier rast auf ihn los, er bewegt sich kaum, leitet die halbe Tonne Aggression spielerisch an sich vorbei. Mit einigen Passagen versucht der Torero, sich auf den Stier einzustellen, ihn zu „lesen“, dann beginnt der genau choreografierte Ablauf der Corrida. Picadores und Banderilleros reizen den Stier, dieser wird davon aber nicht geschwächt, im Gegenteil, er wird zum immer aggressiveren Gegner für den Abschied des Toreros, der nun wieder übernimmt. Ein tödliches Spiel beginnt, hautnah, elegant: eine Passage reiht sich an die nächste, der Matador bewegt sich scheinbar mühelos, berührt den Stier am Horn, streicht ihm über die Flanke, den Rücken, wenn er an ihm vorbeidonnert. Gleichzeitig wirkt er wie ein präzise geführter Tanzpartner. Immer wieder ruft die Menge „Olé!“. Nun wechselt er das Cape, verbirgt einen langen Degen hinter dem kleinen roten Tuch. Er nimmt die Kappe ab, wirft sie von sich, eine Geste des Respekts vor dem Stier. Einige letzte Passagen, dann stehen sich die Gegner Auge in Auge gegenüber. In der Arena ist es nun völlig still. Die Sekunden dehnen sich, der Torero hebt das Tuch, darüber das Schwert, steht in gespannter Körperposition – dann eine winzige Bewegung mit dem Tuch, ein Locken, der Stier springt mit seiner ganzen Kraft den Mann an, der bleibt praktisch regungslos, wie von selbst verschwindet der Degen zwischen den Schulterblättern. Der Stier ist bereits tot, weiß es nur noch nicht: Er erstarrt, die Beine knicken ein, er bricht zu Boden. Die Anspannung entlädt sich in unfassbaren Jubel, der Meister hebt die Hand, dreht sich einmal langsam herum, grüßt die tobende Menge. Ein grandioser Abschied, ich selbst spüre, wie ich zittere, ich erkenne, dass ich bei einer Sensation dabei war. Während der Stier von 4 Pferden weggezogen wird, nehmen Kollegen den Torero auf die Schultern, tragen ihn eine Runde durch die Arena, eine besondere Ehre für einen besonderen Helden.

Der Stierkampf endet zwar meist schlecht für den Stier, aber das Ergebnis ist trotzdem offen: Schwere Verletzungen bis zum Tod sind ständiges Risiko für die Toreros. Die Tradition wird von Tierschützern natürlich massiv kritisiert, nicht zu Unrecht, etwa 10.000 Stiere landen jährlich über den Umweg durch die Arena im Schlachthof. Allerdings haben sie davor das artgerechteste Leben, das man sich vorstellen kann, im Gegensatz zu den Rindern, die in Massentierhaltung leben und mit problematischen Tiertransporten zum Schlachter gekarrt werden.

Buchtipp: A.L.Kennedy, Stierkampf, Fischer-Verlag

Website: Deutsche Bücher zum Thema Stierkampf

Auf Youtube sind viele „Sportübertragungen“ zum Thema zu finden, auch mit englischem Text.

Alles Walzer!

Alles Walzer!

Auf Nichtwiener wirkt die Ballsaison vielleicht etwas verschroben-veraltet – für uns ist sie nichts besonderes, gehört selbstverständlich zum Jahreslauf, und Bälle sind auch deutlich weniger formell als es den Anschein macht. Höhepunkt ist der Opernball, und vor etlichen Jahren war ich beauftragt, eine kleine Reportage darüber zu fotografieren. Nun geht man da nicht einfach hin und knipst – mein Auftraggeber bereitete mich umfangreich vor, Frack, Benimmregeln, ein Mädchen als Begleitung, alles. Der Frack hat mich überrascht, es ist ein sorgfältig konstruiertes Kleiderensemble, das nur nach außen komplett wirkt: Die weiße Frackweste ist beispielsweise nur eine Attrappe ohne Rückenteil. Dabei gibt es etliche Regeln, wann und wie er getragen wird: Tagsüber wäre es völlig unmöglich, und wählt man irrtümlich eine schwarze statt der weißen Schleife, wird man zum Kellner. Auch eine Armbanduhr zum Frack ist in besseren Kreisen völlig undenkbar, ist man zum Tête-à-tête verabredet kommt nur eine Taschenuhr in Frage. Die beste Beschreibung des Outfits lieferte die von mir geschätzte Stefanie Sargnagel in ihrem aktuellen Buch „Opernball“:

Sie sind wie mutiertes Geflügel: Vorne ein Pinguin, hinten eine Schwalbe, oben die Fliege, unten der Spatz. Und rundherum der Strauß.

Die Damen sind dagegen Paradiesvögel, was meine Begleitung trug weiß ich nicht mehr, eindrucksvoll war der Schmuck: Sie hatte ihn einfach auf den Körper gemalt, und beim Besuch in der Loge war das Gesicht der damaligen „Ballmutter“ Lotte Tobisch priceless. Dabei wandelt sich die ganze staatstragende Veranstaltung bereits kurz nach Mitternacht: Da geht die Politik schlafen, und zurück bleibt eine immer schräger werdende Party in allen Räumen des Hauses am Ring. Für schöne junge Wiener sind Bälle ebenso Routine wie für die Klofrau, während sich internationale Besucher einen Lebenstraum erfüllen.

Im obersten Rang dann die Zaungäste: Es gibt (oder gab?) eine Zuschauergalerie, deren Besucher bei geringen Eintrittpreisen vom eigentlichen Ball ausgeschlossen waren. Und hier traf ich auch die mondänste Erscheinung des Abends: Eine kleine Dame, wie aus der Zeit gefallen, beobachtete fast regungslos das Fest 20 Meter unter ihrem Platz. Sie war in ihrer bescheidenen Zerbrechlichkeit die eleganteste Besucherin des Opernballs, ausgerechnet in dem Jahr, in dem Richard Lugner seinen peinlichen Stargast-Unfug begann.

All das endet um 5 in der Früh am „Kleinen Sacher“: Am Würstelstand hinter der Oper trifft man die letzten Ballgäste und die ersten Straßenkehrer – denen man dort manchmal ein Glas Champagner spendiert.

https://www.derstandard.at/story/3000000304942/bussi-bussi-bussi-bussi-am-wiener-opernball-mit-stefanie-sargnagel

https://www.opernball.at

Wo das Wiener Wissen wohnt

Wo das Wiener Wissen wohnt

Angesichts seiner Endlichkeit das eigene Leben zu multiplizieren: Geschichten erzählen und Erfahrungen weiterzugeben ist ein Urtrieb des Menschen. Jahrtausende lang hat man sich Erinnerungen am Feuer erzählt, bis endlich die Schrift erfunden wurde. Nun baute man den Erzählungen feste Häuser, bald waren sie prachtvoller als die Unterkünfte der Menschen selbst: Für die Geschichten über Götter und das Jenseits wurden Tempel errichtet, reales Wissen dagegen in Bibliotheken gesammelt.

„Nur die Bibliothekare haben ein verlässliches Bild der Welt – das steht schon im ,Mann ohne Eigenschaften‘!“ Im modernen Tiefspeicher der Nationalbibliothek erklärt mir der Archivar erst seine Philosophie, dann die Transportlogistik. „Diese kleine Bahn bringt die bestellten Werke direkt durch die Schächte nach oben in die Lesesäle.“ – Ein Miniaturlift surrt über das Gleissystem nach oben.

Deutlich luftiger ist das „Bücherschiff“, das am Urban-Loritz-Platz vor Anker liegt, mit der Membranüberdachung wirkt es, als hätte es Segel gesetzt über den automobilen Stromschnellen der Gürtelstraße. Die städtische Hauptbibliothek hat ihre Wurzeln im „roten Wien“, vor hundert Jahren glaubte die Sozialdemokratie an die Emanzipation der Arbeiter durch „Bildung für alle“. Heute ist es ein ruhiger Wellnesstempel für Leserinnen und Leser aller sozialen Schichten inmitten der Wogen des stürmischen Verkehrs rundum.

Erinnert die Hauptbibliothek eher zufällig an einen Ozeanriesen, hat sich in Hietzing ein Segler seinen Traum erfüllt. „Luis Borges sagte: ,Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.‘ Das ist das Motto meiner Wasserbibliothek. Hier habe ich die mein Leben prägenden Elemente zusammengeführt: Wasser, Bücher, Licht.“ Alfred Zellinger war und ist Manager, Künstler, Literat, Flaneur; sein schlichtes Siedlungshaus hat er um ein präzise konstruiertes Tortenstück ergänzt, das maritime Formen zitiert, puristisch und effizient. Welche Geschichten haben ihn am meisten geprägt? „Die Sage von Odysseus: Als Segler bin ich seinen Routen gefolgt, habe seine Häfen angelaufen. Er hat mich inspiriert – und zum Europäer gemacht.“

Für das Spectrum der Presse habe ich zum Thema etwas ausführlicher geschrieben

Spaziergang durch einen Traum

Spaziergang durch einen Traum

Die Inszenierungen des Serapions-Ensembles verzaubern mich seit Jahrzehnten. Der Name ist eine Ableitung von E.T.A. Hoffmanns Serapiontischen Prinzip: Innen- und Außenwelt fließen ineinander, aus der detailverliebten, visuell dominierten Erzählung formt sich das Gesamtbild, Realität und Phantasie verschmelzen zu einem Traum. Nicht ganz zufällig war „Verwunschen“ nach Liedern von André Heller das erste Stück, auf das ich seinerzeit aufmerksam wurde, Theaterkarten konnte ich mir damals aber noch keine leisten.

Glücklicherweise änderte sich das bald, und bei „Double & Paradise“ erlebte ich die Bildexplosionen des Serapions-Ensembles zum ersten Mal, akustisch garniert mit den Minimal-Music-Stücken von Meredith Monk. Nach rastloser Wanderschaft übernahm die Gruppe um Erwin Piplitz und Ulrike Kaufmann dann 1988 den alten Saal der Landwirtschaftsbörse an der Taborstraße und schuf das „Odeon“ – mit viel zu wenig Geld, aber umso größerem Enthusiasmus konservierten sie den magischen Raum in seinem halb verfallenen Schwebezustand.

Als ich an meinem Buch über Lost Places arbeitete, hatte ich auch den alten Börsesaal auf der Liste. Mein Fotowunsch wurde freundlich genehmigt, und nicht nur das: Ob ich vielleicht die aktuelle Produktion fotografieren wolle? Eine bessere Frage hätte mir Piplitz nicht stellen können, und so wurde Realität, was ich mir seit Ewigkeiten gewünscht hatte: Durch die Bühnenbilder des Serapions-Theaters zu spazieren, Teil des Traums zu werden.

Das Odeon-Theater in Wien, Heimat des Serapions-Ensembles

In den Passagen von Paris

In den Passagen von Paris

Paris fühlt sich schon länger nicht mehr an wie ein Reiseziel, eher wie ein Stadtteil meiner Heimat; ich bin häufiger an den Hallen, der Seine oder im Marais als in Kagran oder Hietzing, und steige sicher öfter in die Metro als in die Wiener U-Bahn. Damit verliert sich auch der Effekt, staunend durch eine fremde Stadt zu spazieren, trotzdem gibt es viele Orte, die immer wieder in den Fokus rücken. Ein dauerhafter Sehnsuchtsort sind die Passagen, die schon Walter Benjamin bezaubert haben; hier verdichtet sich Paris zur Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Ich bin zwar kein besonderer Freund seiner verschwurbelten Prosa, aber manche marihuanadurchtränkten Assoziationsblitze zu den Passagen kann ich nachvollziehen:

Passagen sind Häuser oder Gänge, welche keine Außenseite haben – wie der Traum.

Und tatsächlich steht dort die Zeit still. Manchmal flackert sie aber auch eigenartig: Ein Antiquariat, das ich in den 1980er Jahren entdeckt hatte, war Inspiration für meinen Mystery-Roman Das Verdammte Manuskript, und ich war traurig, als es eines Tages verschwunden war. Jahre später war es wieder da, mit den selben rätselhaften Kunstbüchern von Luigi Seraphini in der Auslage wie damals – und ich habe nicht geträumt! Diesmal war es allerdings wieder verschwunden, aber wer weiß, vielleicht sehe ich es irgendwann doch wieder…

Weitere Fotos: https://www.viennaslide.com/features/Paris-Passagen/

Für das Spectrum der Presse habe ich etwas ausführlicher dazu geschrieben

Zeitreise

Zeitreise

Reisen führen nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Und während ich in immer mehr Ländern Patriot werde, glaube ich wie jeder Reisende, den besuchten Ort bei der ersten Ankunft gerade noch im „Originalzustand“ gesehen zu haben, mit seinem eigentlichen Charakter, der inzwischen durch den modernen Zeitgeist verwässert wurde. Natürlich ist das Unsinn, auch Städte reisen durch die Zeit, und wir sind auf einer kurzen Strecke Passagier.

In manchen Städten wie Paris oder Lissabon ist die Zeit robuster; im so peniblen deutschsprachigen Raum verschwindet die urbane Seele hinter übermäßig renovierten Isolierfassaden. Die Spuren früherer Jahrzehnte habe ich in Frankreich und Spanien noch an manchen Stellen gefunden, am sichtbarsten sind die Zeitschichten aber in den Wohnhäusern von Budapest. Viele sind seit ihrer Erbauung nicht renoviert, nicht ausgemalt worden. Und auch wenn sich das natürlich langsam ändert, kann man an manchen Stellen der Stadt seine Hand immer noch auf Flächen legen, die andere Menschen vor hundert Jahren berührt haben.

Diese Häuser betritt man wie dunkle Höhlen, wie „Lost Places“, die die ungarischen Dramen – Monarchie, Horty-Regierung, Weltkrieg, Kommunismus, Turbokapitalismus – unberührt gelassen haben. Die „Mystik der Oberfläche“, die ich vor Jahrzehnten in meinen ersten Fotos und Zeichnungen gesucht habe: Hier habe ich sie gefunden, in den alten grauen Häusern dieser alten grauen Stadt.

Magie der Industrie

Magie der Industrie

Neben dem Bahnhof von Pottendorf war eine Fabrik aus rotem Backstein nicht zu übersehen, klassische Architektur des 19. Jahrhunderts. Die Industrie hat sich damals das Land zu Eigen gemacht; ein Werkkanal wurde von der Leitha abgezweigt, die „Pottendorfer (Bahn-) Linie“ war Teil der ganz Europa umspannenden Verteilungsmaschinerie. Vom anfangs symmetrischen Gebäude fehlte bereits ein Teil, der Eindruck war aber immer noch gewaltig; später wurde der Torso ausgehöhlt und zum Wohnbau. Noch grandioser als die Fassaden waren die Innenräume, die großen Fenster und hohen Hallen bildeten eine „Kathedrale der Arbeit“. Aus seinem etwas erhöhten Büro blickte der Vorarbeiter über das Stockwerk; welche Geschichten, Dramen, Schicksale haben sich hier entschieden, wie schmerzhaft waren die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Arbeitern und den strengen Vorgesetzten? Bei meinem Besuch waren Respekt, Fleiß, Wut und Schmerz spurlos aus den Werkhallen verschwunden, der Staub von Jahrzehnten bedeckte alte Schreibtische ebenso wie alle anderen Spuren menschlicher Anwesenheit.

Ähnlich empfand ich auch in Teesdorf, die Spinnerei entdeckte ich zufällig. Die Fabrik ist etwas jünger als jene in Pottendorf, die riesigen leeren Hallen um nichts weniger eindrucksvoll. Vom Wasserturm ging der Blick weit über die banalen Einfamilienhäuser – heute pendelt man nach Wien, das Industrieviertel wirkt so verschlafen wie die historischen Bauten. In die Hallen, früher Lebensmittelpunkt für tausende Arbeiter, ausgefüllt vom Maschinenlärm ebenso wie von den Gespinsten menschlicher Beziehungen, verirren sich nur noch Sprayer und Tauben.

Den Bildband, den ich 2019 mit meinen Fotoserien von „Lost Places“ füllen konnte, nannte ich Kenopsia: von Kenos – Altgriechisch: leer, frei und Opsis – Altgriechisch: Ansicht, Aussehen. Das Wort ist Urban Slang für die unheimliche Atmosphäre eines Ortes, der einmal von Menschen bevölkert war, aber jetzt verlassen und völlig still ist – eine leere Fabrikshalle, ein vergessenes Schloss, eine verlassene Stadt. Die Menschen fehlen an diesen Orten, sind nur Erinnerung, ferne Schatten; die verfallenden Gebäude zeigen sich im Untergang noch einmal in ihrer wahren Schönheit: wie eine alternde Ballerina, die sich von der Bühne zurückgezogen hat, aber ein letztes Mal ihre früheren Pirouetten in ihrer ganzen Grandezza zeigt.

http://www.mauerspiel.at/kenopsia

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Eben erinnere ich mich an einen früheren Lokaltipp für Paris: Le p’tit bar, eröffnet 1965, 7 rue Richard Lenoir nahe Bastille. 2014 war Madame Polo noch am Leben, auch wenn das auf den Fotos nicht so deutlich rüberkommt. Man garantierte für nichts, empfohlen wurde aber, das Bier eher in der Flasche statt offen zu bestellen, aus den Gläsern zu trinken war zu vermeiden. Rudimentäre Französischkenntnisse erhöhten den Spaß, auch wenn Madame Polos ihre Erinnerungen eher fragmentiert vorgetragen hat. Leider wurde die riesige Katze, die ebenfalls hier ansässig war, heimatlos: Madame Polo ist 2017 nach einem Verkehrsunfall verstorben.

Die G’schicht hat a Maschn

Die G’schicht hat a Maschn

Eine bizarre Sehenswürdigkeit ist aufgepoppt: Das alteingesessene Modehaus Popp & Kretschmer wurde zum Insta-Hotspot, aber nicht wegen der Ware. Das riesige Weihnachtsmascherl an der Fassade gibt es zwar schon seit Jahren, aber jetzt wurde die internationale Influenzer-Szene irgendwie darauf aufmerksam, ist es Hintergrund geworden für posierende junge Frauen, Gesichter wie Outfits schwer unterscheidbar . Leider sind die idealen Fotospots mitten auf der Straßenkreuzung, nach den Massenmedien wurde die Polizei aufmerksam, im 90-Sekunden-Takt räumt sie nun mit bemühter Ernsthaftigkeit die Fahrbahn, zum roten Schleifenglitzer kommt flackerndes Blaulicht. Um die Attraktion hat sich bereits Kleinstgewerbe etabliert: „You want Foto?“ fragt ein Polaroid-Fotograf. Morgen komme ich mit einem Bündel Selfie-Sticks – als Unternehmer kann ich mir keine Geschäftsidee entgehen lassen!

Stille Tage im Klischee

Stille Tage im Klischee

Es war das Netflix meiner Jugendzeit: Die abfällig „Groscherlromane“ genannten Heftserien, die wöchentlich erschienen und nach einmal lesen meist eingetauscht wurden. Dabei wurde jeder Geschmack befriedigt, es gab (und gibt bis heute!) Cowboy-, Krimi- oder Science-Fiction-Geschichten, Liebesromane, Ärzteserien, bis hin zu „Landser“-Geschichten (Landser waren die deutschen Soldaten im II. Weltkrieg, und deren Geschichten von Ruhm und Ehre werden bis heute gelesen – bis jetzt unentdeckt von der grassierenden Political Correctness). Marktführer ist dabei der Bastei-Verlag, die erfolgreichste Romanserie erscheint allerdings bei der Konkurrenz Pabel-Moewig: „Perry Rhodan“, der Weltraumheld, der sich seit 1961 in bis jetzt mehr als 3000 Wochenheften durch das All kämpft, ist auch außerhalb der Szene bekannt.

Romanschwemmen gab es früher an fast jeder Straßenecke, inzwischen sind sie beinahe ausgestorben. Ein wunderbares Relikt ist das kleine Geschäft von Frau Sarközi am Beginn der Prager Straße in Floridsdorf. Taschenbücher und Heftromane stapeln sich bis zur Decke, die Ordnung ist penibel, der Duft des alten Papiers lässt sofort Erinnerungen wach werden. Dabei werden die Groschenromane oft unter ihrem literarischen Wert gehandelt: gerade im Bereich SciFi wurden Autoren wie Arthur C. Clarke (2001:Odysee im Weltraum), Edgar Rice Burroughs (Tarzan) oder Philip K. Dick (Blade Runner, Minority Report) weltbekannt. Das bestätigt auch Frau Sarközi, die selbst gerne liest – „quer durch die Themen“, wie sie sagt – und die teils hohe Qualität der Bücher bestätigt. Natürlich wird man mit so einem Geschäft nicht reich, aber es trägt sich, und ans zusperren denkt sie keinesfalls: zu viele Geschichten warten noch zwischen angegilbten Einbänden auf ihre Entdeckung an stillen Tagen im Klischee.

Tipp: In meinem Buch Randschaften habe ich Geschäfte portraitiert, von denen es in Wien nicht mehr allzuviele gibt