Wo das Wiener Wissen wohnt

Wo das Wiener Wissen wohnt

Angesichts seiner Endlichkeit das eigene Leben zu multiplizieren: Geschichten erzählen und Erfahrungen weiterzugeben ist ein Urtrieb des Menschen. Jahrtausende lang hat man sich Erinnerungen am Feuer erzählt, bis endlich die Schrift erfunden wurde. Nun baute man den Erzählungen feste Häuser, bald waren sie prachtvoller als die Unterkünfte der Menschen selbst: Für die Geschichten über Götter und das Jenseits wurden Tempel errichtet, reales Wissen dagegen in Bibliotheken gesammelt.

„Nur die Bibliothekare haben ein verlässliches Bild der Welt – das steht schon im ,Mann ohne Eigenschaften‘!“ Im modernen Tiefspeicher der Nationalbibliothek erklärt mir der Archivar erst seine Philosophie, dann die Transportlogistik. „Diese kleine Bahn bringt die bestellten Werke direkt durch die Schächte nach oben in die Lesesäle.“ – Ein Miniaturlift surrt über das Gleissystem nach oben.

Deutlich luftiger ist das „Bücherschiff“, das am Urban-Loritz-Platz vor Anker liegt, mit der Membranüberdachung wirkt es, als hätte es Segel gesetzt über den automobilen Stromschnellen der Gürtelstraße. Die städtische Hauptbibliothek hat ihre Wurzeln im „roten Wien“, vor hundert Jahren glaubte die Sozialdemokratie an die Emanzipation der Arbeiter durch „Bildung für alle“. Heute ist es ein ruhiger Wellnesstempel für Leserinnen und Leser aller sozialen Schichten inmitten der Wogen des stürmischen Verkehrs rundum.

Erinnert die Hauptbibliothek eher zufällig an einen Ozeanriesen, hat sich in Hietzing ein Segler seinen Traum erfüllt. „Luis Borges sagte: ,Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.‘ Das ist das Motto meiner Wasserbibliothek. Hier habe ich die mein Leben prägenden Elemente zusammengeführt: Wasser, Bücher, Licht.“ Alfred Zellinger war und ist Manager, Künstler, Literat, Flaneur; sein schlichtes Siedlungshaus hat er um ein präzise konstruiertes Tortenstück ergänzt, das maritime Formen zitiert, puristisch und effizient. Welche Geschichten haben ihn am meisten geprägt? „Die Sage von Odysseus: Als Segler bin ich seinen Routen gefolgt, habe seine Häfen angelaufen. Er hat mich inspiriert – und zum Europäer gemacht.“

Für das Spectrum der Presse habe ich zum Thema etwas ausführlicher geschrieben

Spaziergang durch einen Traum

Spaziergang durch einen Traum

Die Inszenierungen des Serapions-Ensembles verzaubern mich seit Jahrzehnten. Der Name ist eine Ableitung von E.T.A. Hoffmanns Serapiontischen Prinzip: Innen- und Außenwelt fließen ineinander, aus der detailverliebten, visuell dominierten Erzählung formt sich das Gesamtbild, Realität und Phantasie verschmelzen zu einem Traum. Nicht ganz zufällig war „Verwunschen“ nach Liedern von André Heller das erste Stück, auf das ich seinerzeit aufmerksam wurde, Theaterkarten konnte ich mir damals aber noch keine leisten.

Glücklicherweise änderte sich das bald, und bei „Double & Paradise“ erlebte ich die Bildexplosionen des Serapions-Ensembles zum ersten Mal, akustisch garniert mit den Minimal-Music-Stücken von Meredith Monk. Nach rastloser Wanderschaft übernahm die Gruppe um Erwin Piplitz und Ulrike Kaufmann dann 1988 den alten Saal der Landwirtschaftsbörse an der Taborstraße und schuf das „Odeon“ – mit viel zu wenig Geld, aber umso größerem Enthusiasmus konservierten sie den magischen Raum in seinem halb verfallenen Schwebezustand.

Als ich an meinem Buch über Lost Places arbeitete, hatte ich auch den alten Börsesaal auf der Liste. Mein Fotowunsch wurde freundlich genehmigt, und nicht nur das: Ob ich vielleicht die aktuelle Produktion fotografieren wolle? Eine bessere Frage hätte mir Piplitz nicht stellen können, und so wurde Realität, was ich mir seit Ewigkeiten gewünscht hatte: Durch die Bühnenbilder des Serapions-Theaters zu spazieren, Teil des Traums zu werden.

Das Odeon-Theater in Wien, Heimat des Serapions-Ensembles

In den Passagen von Paris

In den Passagen von Paris

Paris fühlt sich schon länger nicht mehr an wie ein Reiseziel, eher wie ein Stadtteil meiner Heimat; ich bin häufiger an den Hallen, der Seine oder im Marais als in Kagran oder Hietzing, und steige sicher öfter in die Metro als in die Wiener U-Bahn. Damit verliert sich auch der Effekt, staunend durch eine fremde Stadt zu spazieren, trotzdem gibt es viele Orte, die immer wieder in den Fokus rücken. Ein dauerhafter Sehnsuchtsort sind die Passagen, die schon Walter Benjamin bezaubert haben; hier verdichtet sich Paris zur Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Ich bin zwar kein besonderer Freund seiner verschwurbelten Prosa, aber manche marihuanadurchtränkten Assoziationsblitze zu den Passagen kann ich nachvollziehen:

Passagen sind Häuser oder Gänge, welche keine Außenseite haben – wie der Traum.

Und tatsächlich steht dort die Zeit still. Manchmal flackert sie aber auch eigenartig: Ein Antiquariat, das ich in den 1980er Jahren entdeckt hatte, war Inspiration für meinen Mystery-Roman Das Verdammte Manuskript, und ich war traurig, als es eines Tages verschwunden war. Jahre später war es wieder da, mit den selben rätselhaften Kunstbüchern von Luigi Seraphini in der Auslage wie damals – und ich habe nicht geträumt! Diesmal war es allerdings wieder verschwunden, aber wer weiß, vielleicht sehe ich es irgendwann doch wieder…

Weitere Fotos: https://www.viennaslide.com/features/Paris-Passagen/

Für das Spectrum der Presse habe ich etwas ausführlicher dazu geschrieben

Zeitreise

Zeitreise

Reisen führen nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Und während ich in immer mehr Ländern Patriot werde, glaube ich wie jeder Reisende, den besuchten Ort bei der ersten Ankunft gerade noch im „Originalzustand“ gesehen zu haben, mit seinem eigentlichen Charakter, der inzwischen durch den modernen Zeitgeist verwässert wurde. Natürlich ist das Unsinn, auch Städte reisen durch die Zeit, und wir sind auf einer kurzen Strecke Passagier.

In manchen Städten wie Paris oder Lissabon ist die Zeit robuster; im so peniblen deutschsprachigen Raum verschwindet die urbane Seele hinter übermäßig renovierten Isolierfassaden. Die Spuren früherer Jahrzehnte habe ich in Frankreich und Spanien noch an manchen Stellen gefunden, am sichtbarsten sind die Zeitschichten aber in den Wohnhäusern von Budapest. Viele sind seit ihrer Erbauung nicht renoviert, nicht ausgemalt worden. Und auch wenn sich das natürlich langsam ändert, kann man an manchen Stellen der Stadt seine Hand immer noch auf Flächen legen, die andere Menschen vor hundert Jahren berührt haben.

Diese Häuser betritt man wie dunkle Höhlen, wie „Lost Places“, die die ungarischen Dramen – Monarchie, Horty-Regierung, Weltkrieg, Kommunismus, Turbokapitalismus – unberührt gelassen haben. Die „Mystik der Oberfläche“, die ich vor Jahrzehnten in meinen ersten Fotos und Zeichnungen gesucht habe: Hier habe ich sie gefunden, in den alten grauen Häusern dieser alten grauen Stadt.

Magie der Industrie

Magie der Industrie

Neben dem Bahnhof von Pottendorf war eine Fabrik aus rotem Backstein nicht zu übersehen, klassische Architektur des 19. Jahrhunderts. Die Industrie hat sich damals das Land zu Eigen gemacht; ein Werkkanal wurde von der Leitha abgezweigt, die „Pottendorfer (Bahn-) Linie“ war Teil der ganz Europa umspannenden Verteilungsmaschinerie. Vom anfangs symmetrischen Gebäude fehlte bereits ein Teil, der Eindruck war aber immer noch gewaltig; später wurde der Torso ausgehöhlt und zum Wohnbau. Noch grandioser als die Fassaden waren die Innenräume, die großen Fenster und hohen Hallen bildeten eine „Kathedrale der Arbeit“. Aus seinem etwas erhöhten Büro blickte der Vorarbeiter über das Stockwerk; welche Geschichten, Dramen, Schicksale haben sich hier entschieden, wie schmerzhaft waren die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Arbeitern und den strengen Vorgesetzten? Bei meinem Besuch waren Respekt, Fleiß, Wut und Schmerz spurlos aus den Werkhallen verschwunden, der Staub von Jahrzehnten bedeckte alte Schreibtische ebenso wie alle anderen Spuren menschlicher Anwesenheit.

Ähnlich empfand ich auch in Teesdorf, die Spinnerei entdeckte ich zufällig. Die Fabrik ist etwas jünger als jene in Pottendorf, die riesigen leeren Hallen um nichts weniger eindrucksvoll. Vom Wasserturm ging der Blick weit über die banalen Einfamilienhäuser – heute pendelt man nach Wien, das Industrieviertel wirkt so verschlafen wie die historischen Bauten. In die Hallen, früher Lebensmittelpunkt für tausende Arbeiter, ausgefüllt vom Maschinenlärm ebenso wie von den Gespinsten menschlicher Beziehungen, verirren sich nur noch Sprayer und Tauben.

Den Bildband, den ich 2019 mit meinen Fotoserien von „Lost Places“ füllen konnte, nannte ich Kenopsia: von Kenos – Altgriechisch: leer, frei und Opsis – Altgriechisch: Ansicht, Aussehen. Das Wort ist Urban Slang für die unheimliche Atmosphäre eines Ortes, der einmal von Menschen bevölkert war, aber jetzt verlassen und völlig still ist – eine leere Fabrikshalle, ein vergessenes Schloss, eine verlassene Stadt. Die Menschen fehlen an diesen Orten, sind nur Erinnerung, ferne Schatten; die verfallenden Gebäude zeigen sich im Untergang noch einmal in ihrer wahren Schönheit: wie eine alternde Ballerina, die sich von der Bühne zurückgezogen hat, aber ein letztes Mal ihre früheren Pirouetten in ihrer ganzen Grandezza zeigt.

http://www.mauerspiel.at/kenopsia

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Eben erinnere ich mich an einen früheren Lokaltipp für Paris: Le p’tit bar, eröffnet 1965, 7 rue Richard Lenoir nahe Bastille. 2014 war Madame Polo noch am Leben, auch wenn das auf den Fotos nicht so deutlich rüberkommt. Man garantierte für nichts, empfohlen wurde aber, das Bier eher in der Flasche statt offen zu bestellen, aus den Gläsern zu trinken war zu vermeiden. Rudimentäre Französischkenntnisse erhöhten den Spaß, auch wenn Madame Polos ihre Erinnerungen eher fragmentiert vorgetragen hat. Leider wurde die riesige Katze, die ebenfalls hier ansässig war, heimatlos: Madame Polo ist 2017 nach einem Verkehrsunfall verstorben.

Die G’schicht hat a Maschn

Die G’schicht hat a Maschn

Eine bizarre Sehenswürdigkeit ist aufgepoppt: Das alteingesessene Modehaus Popp & Kretschmer wurde zum Insta-Hotspot, aber nicht wegen der Ware. Das riesige Weihnachtsmascherl an der Fassade gibt es zwar schon seit Jahren, aber jetzt wurde die internationale Influenzer-Szene irgendwie darauf aufmerksam, ist es Hintergrund geworden für posierende junge Frauen, Gesichter wie Outfits schwer unterscheidbar . Leider sind die idealen Fotospots mitten auf der Straßenkreuzung, nach den Massenmedien wurde die Polizei aufmerksam, im 90-Sekunden-Takt räumt sie nun mit bemühter Ernsthaftigkeit die Fahrbahn, zum roten Schleifenglitzer kommt flackerndes Blaulicht. Um die Attraktion hat sich bereits Kleinstgewerbe etabliert: „You want Foto?“ fragt ein Polaroid-Fotograf. Morgen komme ich mit einem Bündel Selfie-Sticks – als Unternehmer kann ich mir keine Geschäftsidee entgehen lassen!

Stille Tage im Klischee

Stille Tage im Klischee

Es war das Netflix meiner Jugendzeit: Die abfällig „Groscherlromane“ genannten Heftserien, die wöchentlich erschienen und nach einmal lesen meist eingetauscht wurden. Dabei wurde jeder Geschmack befriedigt, es gab (und gibt bis heute!) Cowboy-, Krimi- oder Science-Fiction-Geschichten, Liebesromane, Ärzteserien, bis hin zu „Landser“-Geschichten (Landser waren die deutschen Soldaten im II. Weltkrieg, und deren Geschichten von Ruhm und Ehre werden bis heute gelesen – bis jetzt unentdeckt von der grassierenden Political Correctness). Marktführer ist dabei der Bastei-Verlag, die erfolgreichste Romanserie erscheint allerdings bei der Konkurrenz Pabel-Moewig: „Perry Rhodan“, der Weltraumheld, der sich seit 1961 in bis jetzt mehr als 3000 Wochenheften durch das All kämpft, ist auch außerhalb der Szene bekannt.

Romanschwemmen gab es früher an fast jeder Straßenecke, inzwischen sind sie beinahe ausgestorben. Ein wunderbares Relikt ist das kleine Geschäft von Frau Sarközi am Beginn der Prager Straße in Floridsdorf. Taschenbücher und Heftromane stapeln sich bis zur Decke, die Ordnung ist penibel, der Duft des alten Papiers lässt sofort Erinnerungen wach werden. Dabei werden die Groschenromane oft unter ihrem literarischen Wert gehandelt: gerade im Bereich SciFi wurden Autoren wie Arthur C. Clarke (2001:Odysee im Weltraum), Edgar Rice Burroughs (Tarzan) oder Philip K. Dick (Blade Runner, Minority Report) weltbekannt. Das bestätigt auch Frau Sarközi, die selbst gerne liest – „quer durch die Themen“, wie sie sagt – und die teils hohe Qualität der Bücher bestätigt. Natürlich wird man mit so einem Geschäft nicht reich, aber es trägt sich, und ans zusperren denkt sie keinesfalls: zu viele Geschichten warten noch zwischen angegilbten Einbänden auf ihre Entdeckung an stillen Tagen im Klischee.

Tipp: In meinem Buch Randschaften habe ich Geschäfte portraitiert, von denen es in Wien nicht mehr allzuviele gibt

Die Haut von Venedig

Die Haut von Venedig

Venedig wirkt auf mich trotz seiner allseits bejubelten, leicht fasslichen Schönheit eigenartig langweilig. Vielleicht, weil einer Stadt ohne Keller das Fundament aus dunklen Geheimnissen fehlt, auf das Wien oder Paris so solide gebaut sind; vielleicht auch, weil die Geschichten der lange vergangenen Republik Venedig jahrhundertelang herausgebleicht wurden von der Lauge aus neugierigen Besuchern, die elegisch über die verfallende Pracht schwappt.

Für mich wirken die Gasserln wie ständig neu angeordnete Versatzstücke des immer Selben, wie im Buch „Die Mauern von Samaris“ von Schuiten/Peeters. Einerlei – es ist natürlich leicht, tolle Fotos zu schießen, schon ein durchschnittlich begabter Fotograf kann wenig falsch machen, interessanter ist es aber, die sich aufdrängenden Motive zu ignorieren und in die Furchen der Stadt einzudringen. Ich denke an meine allerersten Versuche, Kunst zu machen, „Die Mystik der Oberfläche“ nannte ich die damalige Serie von unbeholfenen Zeichnungen. Tatsächlich bedeckt die faltige Haut von Venedig verschüttete Erinnerungen, die vielleicht doch noch irgendwo zwischen den Ziegeln hängen geblieben sind.

Im Bauch der Burg

Im Bauch der Burg

Im Bauch der Burg: Abseits der plüschigen Logen und des goldenen Stucks herrscht geschäftige Betriebsamkeit, ich treffe auf Handwerker aller Gewerke. Am modernen Schnürboden sirren die Drahtseile, wenn Kulissen verschoben werden. Die Drehbühne bewegt sich fast lautlos, der ganze Bühnenraum ändert sein Volumen, seine Anordnung auf Knopfdruck. Tief unten dann die Requisitenlager, zwischen Shakespeares Richard III. und Goethes Faust liegen keine Welten, sondern nur zwei Regalbretter.

Zuletzt erforsche ich die Lüftungsanlage: Hightech der Gründerzeit. Ein riesiger Lüftungskanal führt vom Volksgarten ins „Haus am Ring“ , die Luft strömt gleichmäßig durch den Zuschauerraum und entweicht an der höchsten Stelle des Daches. Der weithin sichtbare „Blasengel“ dreht sich dort mit dem Wind, und bei der Gelegenheit entdecke ich noch ein skurriles Detail: Hinter den stolzen Figuren der Ringstraßenfassade verbergen sich Umkleidekabinen fürs Sonnenbad der Hausarbeiter!