Eben erinnere ich mich an einen früheren Lokaltipp für Paris: Le p’tit bar, eröffnet 1965, 7 rue Richard Lenoir nahe Bastille. 2014 war Madame Polo noch am Leben, auch wenn das auf den Fotos nicht so deutlich rüberkommt. Man garantierte für nichts, empfohlen wurde aber, das Bier eher in der Flasche statt offen zu bestellen, aus den Gläsern zu trinken war zu vermeiden. Rudimentäre Französischkenntnisse erhöhten den Spaß, auch wenn Madame Polos ihre Erinnerungen eher fragmentiert vorgetragen hat. Leider wurde die riesige Katze, die ebenfalls hier ansässig war, heimatlos: Madame Polo ist 2017 nach einem Verkehrsunfall verstorben.
Eine bizarre Sehenswürdigkeit ist aufgepoppt: Das alteingesessene Modehaus Popp & Kretschmer wurde zum Insta-Hotspot, aber nicht wegen der Ware. Das riesige Weihnachtsmascherl an der Fassade gibt es zwar schon seit Jahren, aber jetzt wurde die internationale Influenzer-Szene irgendwie darauf aufmerksam, ist es Hintergrund geworden für posierende junge Frauen, Gesichter wie Outfits schwer unterscheidbar . Leider sind die idealen Fotospots mitten auf der Straßenkreuzung, nach den Massenmedien wurde die Polizei aufmerksam, im 90-Sekunden-Takt räumt sie nun mit bemühter Ernsthaftigkeit die Fahrbahn, zum roten Schleifenglitzer kommt flackerndes Blaulicht. Um die Attraktion hat sich bereits Kleinstgewerbe etabliert: „You want Foto?“ fragt ein Polaroid-Fotograf. Morgen komme ich mit einem Bündel Selfie-Sticks – als Unternehmer kann ich mir keine Geschäftsidee entgehen lassen!
Venedig wirkt auf mich trotz seiner allseits bejubelten, leicht fasslichen Schönheit eigenartig langweilig. Vielleicht, weil einer Stadt ohne Keller das Fundament aus dunklen Geheimnissen fehlt, auf das Wien oder Paris so solide gebaut sind; vielleicht auch, weil die Geschichten der lange vergangenen Republik Venedig jahrhundertelang herausgebleicht wurden von der Lauge aus neugierigen Besuchern, die elegisch über die verfallende Pracht schwappt.
Für mich wirken die Gasserln wie ständig neu angeordnete Versatzstücke des immer Selben, wie im Buch „Die Mauern von Samaris“ von Schuiten/Peeters. Einerlei – es ist natürlich leicht, tolle Fotos zu schießen, schon ein durchschnittlich begabter Fotograf kann wenig falsch machen, interessanter ist es aber, die sich aufdrängenden Motive zu ignorieren und in die Furchen der Stadt einzudringen. Ich denke an meine allerersten Versuche, Kunst zu machen, „Die Mystik der Oberfläche“ nannte ich die damalige Serie von unbeholfenen Zeichnungen. Tatsächlich bedeckt die faltige Haut von Venedig verschüttete Erinnerungen, die vielleicht doch noch irgendwo zwischen den Ziegeln hängen geblieben sind.
Ich hatte mal eine Umsatzsteuerprüfung, die Beamtin – ich verstand mich gut mit ihr – hat sich auch meine Kleinbeträge genau angesehen und stieß dabei auf eine Rechnung über 200 Kondome. Ich hatte vorher die eigenartigsten Ausgaben souverän erklärt (als Dekorateur und Fotograf braucht man die absurdesten Dinge); nun meinte ich mit schmierigem Grinsen: „Sie wissen doch, was man über Fotografen und Models so sagt – das gehört praktisch zum Beruf und ist daher eine Betriebsausgabe“. Sie schnappte nach Luft, aber kurz vor der Ohnmacht habe ich ihr dann doch die Agenturfotos gezeigt, die mit diesem Rohmaterial entstanden.
Es war eine von Präsident Kennedys mitreißenden Reden, 1962, nur 35 Jahre nach dem ersten Nonstop-Flug Charles Lindberghs von New York nach Paris:
„We set sail on this new sea because there is new knowledge to be gained, and new rights to be won, and they must be won and used for the progress of all people.“ – damals war Amerika der strahlende Leuchtturm des Fortschritts im Dunkel der europäischen Nachkriegszeit, und es gab nur ein einziges Ziel: die Zukunft.
„We choose to go to the Moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard“: dieser Mut, dieser Erfindungsreichtum, dieser Zukunftsglaube hat die westliche Welt damals beflügelt.
„For the eyes of the world now look into space, to the moon and to the planets beyond, and we have vowed that we shall not see it governed by a hostile flag of conquest, but by a banner of freedom and peace“. Und tatsächlich, nur sieben Jahre später gelang der größte technologische Triumph der freien Welt. Noch wichtiger als die Fußabdrücke in Mondstaub ist aber ein Foto: die Erde in ihrer ganzen zarten Schönheit über dem trostlos-kalten Mondhorizont. Man steigt auf Berge, um ins Tal zurück zu sehen – die Astronauten haben das Weltall bereist und die Erde gefunden. Und so ist dieses Bild für mich persönlich viel eindrucksvoller, viel berührender als irgendwelche mitgebrachten Mondsteine:
Es ist unsere Heimat, wunderschön und verletzlich.
Lustig leuchten bunte Klötzchen übers Wasser, und voller Vorfreude schnattern die asiatischen Touristen am Vaporetto. Sie werden nicht enttäuscht, die kleine, bunte Schwester von Venedig verströmt unbeschwerte Idylle – auf den ersten Blick. Die Menschen in ihren farbenfrohen Schuhschachteln sind aber alt geworden, mit den Kunsthandwerksläden oder den Souveniershops fangen sie wenig an.
Mit jedem ablegenden abendlichen Linienboot wird es leerer in dem Dörfchen. Viele Häuser stehen zum Verkauf, die letzten Fischer haben längst ihre Netze eingeholt, die berühmten Stickereien kommen heute aus Asien. Vielleicht ist es das letzte Mal, dass die Fassade frisch gestrichen wird: Burano, dieses entzückende Kleinod, wirkt plötzlich noch trauriger als das ebenso ausblutende Venedig, es scheint, als hätte es sich ein unangemessen fröhliches Totenhemdchen übergeworfen.
Pinien und roter Oleander, dazu die Düfte von Zitrone oder Amber der damaligen Parfums: So hat es an der Österreichischen Riviera gerochen, wenn die bessere Gesellschaft an die Adria, nach Grado, auf Sommerfrische fuhr. Vom Horizont grüßt Triest herüber, während man im idyllischen „Bad Ischl am Meer“ die Füße in selbiges taucht. Mondän ist es heute nicht mehr: Das näselnde Hietzinger Hofratsdeutsch wurde vom aus Favoriten mitgebrachten breiten Lachen abgelöst, dazwischen knattern ein paar Deutsche ihre Sprache über den Strand, es riecht nach Sonnenöl und Kokoseis.
Im k&k-Straßenraster steht noch manches Gebäude, das aus Graz oder vom Semmering stammen könnte, auch wenn manchmal nicht mehr viel mehr übrig ist als die Fassade. Der Altstadtkern ist dann die Herzkammer der Gemütlichkeit: kein Gasserl zu eng, dass nicht noch ein Tisch Platz hätte.
„Wer schreibt, der bleibt“, artikulierte der robust erfrischte Literatendarsteller im Cafe Kafka bemüht, bevor sein Kopf schwer auf den Marmortisch aufschlug. „Kann schon sein – aber wir haben jetzt Sperrstund'“. Die Nacht wurde unbequem, aber am nächsten Tag hatte er erstmals etwas zu erzählen.
Donaukraftwerk Gabcikovo nahe Bratislava, Bauarbeiten August 1990
Bei einer Motorradfahrt Anfang der 1990er-Jahre finde ich mich hinter Bratislava in einer Landschaft wieder, die nur aus Horizont besteht. Es ist die Baustelle eines gigantischen Donaukraftwerks, verlassen nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Ordnung in Osteuropa. Ich befahre das weite Staubecken mit meinem Motorrad; schalte ich die Zündung aus, ist es absolut still, die Luft flirrt über den Betonflächen, ein vergessenes Autowrack riecht nach Teer und Diesel. Die Großbaustelle des Krafthauses ist völlig verlassen, die Absperrungen so rostig wie die Kräne. Nicht einmal Vögel sind zu hören: Ein künstliches Death Valley, wo einmal Wasser gestaut wird. Vor der Rückfahrt mache ich auf der Dammkrone nochmals Rast. In der Ferne erscheinen zwei schwarze Punkte, nach gut zehn Minuten erreichen mich Spaziergängerinnen, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Sie grüßen freundlich auf Tschechisch, außer einem erstaunten „Ahoj“ fällt mir zu dem absurden Bild keine Antwort ein.
Donaukraftwerk Gabcikovo nahe Bratislava, 1990Donaukraftwerk Gabcikovo nahe Bratislava, 1990
Ein Buch zu schreiben ist wie ein Schiff zu bauen: Hat man endlich die passende Werft in Form des Verlags gefunden, legt man es mit dem Autorenvertrag auf Kiel. Danach kommt die Arbeit der Konstruktion, monatelang werden die Teile zueinander gebracht, werden Ideen kalfatert, werden erste Anekdoten und Informationen zu robustem Tauwerk geflochten, wird unnützes über Bord geworfen. Der Grafiker hisst Zierleisten und Dekorationen wie bunte Wimpel, und die Fotos sind wie Segel, die das Werk kraftvoll antreiben, auf dass es andere Barken hinter sich lässt am Schlachtfeld des umkämpften Buchmarkts. Endlich ist das Schiff ausreichend robust, um vom Stapel gelassen zu werden; das signieren der ersten Belege fühlt sich an wie die Schiffstaufe. Dann ist das Büchlein aber auf sich allein gestellt in der Weite der Leserschaft, der man keine unklare Formulierung von hinten über die Schulter erklären kann: Der Autor kann nur vom fernen Ufer gute Fahrt wünschen.