{"id":129,"date":"2024-08-12T14:37:27","date_gmt":"2024-08-12T12:37:27","guid":{"rendered":"https:\/\/mauerspiel.at\/feelingeurope\/?p=129"},"modified":"2025-11-27T23:24:23","modified_gmt":"2025-11-27T22:24:23","slug":"taylor-swift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mauerspiel.at\/feelingeurope\/taylor-swift\/","title":{"rendered":"Das Sommerm\u00e4rchen in der Corneliusgasse"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Corneliusgasse ist eine v\u00f6llig nebens\u00e4chliche kurze Gasse mitten in Wien, etwas ansteigend, voll mit geparkten Autos. Gerade mal die Stiege am Ende der Sackgasse, sie f\u00fchrt zur zwei Stockwerke h\u00f6her liegenden Stra\u00dfe, ist vielleicht erw\u00e4hnenswert, aber nichtmal sie hat was Besonderes &#8211; eine kahle Betontreppe, Romantik sieht anders aus. Das \u00e4nderte sich an einem Weekend im August schlagartig: Da wurde die Gasse pl\u00f6tzlich Sehnsuchtsort tausender junger M\u00e4dchen, wurde zum Treffpunkt \u2013 und die \u00fcberraschten Anrainer wussten nicht, wie ihnen geschieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im August 2024 fluten fast 200.000 junge Menschen die Stadt, zu 95% weiblich \u2013 die \u201eSwifties\u201c kamen, Fans von Taylor Swift, dem derzeit erfolgreichsten Popstar weltweit, \u00e4lteren Musikliebhabern unbekannt. Und da ist dann noch ein verpeilter Jugendlicher, 19 Jahre alt, seine Stars die anonymen Fusselb\u00e4rte des bizarren \u201eIslamischen Staats\u201c. Er und ein Kumpel wurden zwar erfolgreich verhaftet, trotzdem war die Exekutive ausreichend alarmiert, das Gro\u00dfereignis abzusagen; tragisch, dass sich die Beh\u00f6rden au\u00dferstande sahen, eine normale Stadionveranstaltung sicher durchzuf\u00fchren. Es wurde viel geweint in den Stunden nach dem Schock, die Swifties, erst bitter entt\u00e4uscht, waren dann aber wild entschlossen, das Beste draus zu machen. Und die Corneliusgasse wurde zur Ersatzlocation: Ein Song des Stars dreht sich um ihren fr\u00fcheren Wohnort Cornelia Street, und nichtmal die grunds\u00e4tzlich grantigen Wiener Bewohner der grauen Nebengasse konnten sich der Lebensfreude der aus der ganzen Welt angereisten M\u00e4dels entziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ein Glitzern liegt \u00fcber der Stadt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>200.000 junge Menschen \u2013 auch in einer Gro\u00dfstadt wie Wien ist deren Anwesenheit nicht zu \u00fcbersehen. Und die Stadt hat auf die Absage fantastisch reagiert: Freier Eintritt in etlichen Museen oder Schwimmb\u00e4dern, die Clubs haben sich dem angeschlossen, haben die \u00d6ffnungszeiten ans Alter der Swifties angepasst und vieles mehr. Auf der Mariahilferstra\u00dfe, am Stephansplatz, in der Corneliusgasse \u2013 \u00fcberall Pailletten zu sehen, die Songs zu h\u00f6ren, Fischerch\u00f6re nichts dagegen! Freundschaftsb\u00e4ndchen an jedem Handgelenk, auch bei den gut gelaunten Polizisten: Achtsamkeit statt Achter. Pl\u00f6tzlich werden auch im Gesicht des grauhaarigen Kommandanten die Lachfalten sichtbar, pl\u00f6tzlich ist auch er mit Perlenarmb\u00e4ndern beh\u00e4ngt, w\u00e4hrend seine Untergebenen ihr Schulenglisch hervorholen, um vor den Amerikanerinnen zu brillieren. Und die Anrainer feiern aus den Fenstern mit, reichen Wasserbecher raus, aus dem zweiten Stock flattern ausgedruckte Zettel \u2013 \u201eCornelia Street\u201c steht auf dem rasch gestalteten blauen Wiener Stra\u00dfenschild aus Papier.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die eigentliche \u00dcberraschung, wenn man in die Corneliuscrowd, in das Wiener Sommerm\u00e4rchen eintaucht: die ansteckende unersch\u00fctterliche Lebensfreude. Es sind junge und sehr junge M\u00e4dchen, die hier ihre Hymnen singen, sie handeln von Liebe, von Trennungen, vom erwachsen werden, von Empowerment; es sind Gesichter, die sich gerade auf die Reise vom Kind- zum Frausein gemacht haben, mit Proviant aus st\u00e4rkenden Liedern: Heartbreakers gonna break, and the fakers gonna fake, Baby, I\u2032m just gonna shake it off&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Im hereinbrechenden Abend glitzern Handyl\u00e4mpchen \u00fcber der Menge, und hochgehaltene H\u00e4nde formen Herzen \u2013 nun wird sogar die Corneliusstiege romantisch wie die Treppen des Montmartre. Dann wird es langsam stiller; um 23.00 ist Nachtruhe, und langsam l\u00f6st sich die Party auf. Am n\u00e4chsten Tag, Sonntag, nur noch Spuren, eine kleines Gr\u00fcppchen steht um den glasperlenverzierten Baum und singt, diesmal klingt es wie eine stille Andacht. Kreideaufschriften am Boden: We can do it with a broken heart, steht da, Fearless, oder Fuck the Patriarchy \u2013 tats\u00e4chlich haben drei junge M\u00e4nner, denen die Kraft westlicher Frauen unertr\u00e4glich war, zu vielen den Spa\u00df verdorben. Sich von solchen Cretins nicht einsch\u00fcchtern zu lassen \u2013 das muss unsere Demokratie von den jungen Swifties lernen, die der Stadt gezeigt haben, wie man Lebensfreude lebt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"2024-08-10 Swifties in der Corneliusgasse\" width=\"768\" height=\"432\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/y-z5arT3VwI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corneliusgasse ist eine v\u00f6llig nebens\u00e4chliche kurze Gasse mitten in Wien, etwas ansteigend, voll mit geparkten Autos. 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